Jenes Manuskript des griechischen Philosophen Philodem, das 79 nach Christus bei dem Ausbruch des Vesuvs in Herculaneum verschüttet wurde, kann man jetzt wieder lesen – wenn man der Rekonstruktion vertraut, die der 1988 verstorbene Tübinger Gräzist Konrad Gaiser vorgelegt hat. Bücher haben ihre Schicksale. Aber das Besondere dieses Schicksals liegt nicht in der Zahl 2000, der Anzahl der Jahre, die seit dem Vesuv-Ausbruch vergangen sind, sondern in den rund 200 Jahren, die seit dem Wiederauftauchen des Buches verstrichen. In den Jahren 1752 bis 1754 wurde Herculaneum ausgegraben; 1795 gelang es mit einer von Antonio Piaggio konstruierten Maschine, die Papyrosrollen zu öffnen und abzuzeichnen. Was zum Vorschein kam, war eine Trümmerlandschaft in Zeilen und Buchstaben.

Daß es sich bei dem Buch um das Arbeitsexemplar des aus Gadera in Syrien stammenden Philodem handelt, der im ersten Jahrhundert vor Christus eine Darstellung der platonischen Akademie ausarbeitete, weiß man heute und ahnte man auch schon früher. Nur konnte man vordem nicht viel damit anfangen. Auf dem Höhepunkt der langen Blütezeit der klassischen Studien in Europa vermochte auch die sorgfältige Berliner Ausgabe Philodems aus dem Jahr 1902 wenig aufzuhellen.

Der Grund liegt jetzt offen zu Tage. Die besondere Auffassung von der Philosophie Platons, wie sie seit Friedrich Schleiermacher zumal die deutsche Gelehrtenwelt machtvoll beherrschte, versperrte den Zugang zu den Fragmenten dieses Papyros. Von Platon sollten nur die Dialoge gelten, nur sie fand man ernsthafter Aufmerksamkeit wert. Alle Hinweise auf eine mündliche – und mit Grund nur mündlich vorgetragene – Lehre Platons wurden als unfruchtbar abgetan. Dabei wurde ignoriert, daß sich ein halbes Jahrtausend antiken Philosophierens offenkundig auf einen Platon bezogen, der in dessen schriftlichem Werk nicht zu finden war.

Erst in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts wandten sich Forscher vereinzelt wieder den einschlägigen Zeugnissen zu. Seit Mitte der fünfziger Jahre gehört die Befassung mit dem sogenannten "esoterischen Platon", mit der "Ungeschriebenen Lehre", wieder zum Pflichtprogramm aller Piaton-Studien. Den Durchbruch erzielten damals die

Tübinger Konrad Gaiser und Hans Krämer. Bis heute gibt es von ansehnlicher Seite verstockte Abwehr gegen ihre Untersuchungen. Diese Abwehr wird durch Gaisers postumes Werk "Philodems Academia" nun noch schwerer werden. Gestützt auf jahrzehntelange Forschungen über Zeugnisse zum "esoterischen Platon" kann Gaiser an die Bruchstücke von 27 Colonnen des Herculaneischen Papyros Fragen stellen, die sich mit Kombinationsgabe und philologischer Akribie beantworten lassen – abgesichert durch thematische Parallelen in der Platon-Überlieferung.

Dies war so während der mehr als 200 Jahre währenden unangefochtenen Herrschaft des Schleiermacherschen Platon-Bildes nicht möglich. Gaiser weist im Arbeitsmanuskript Philodems etliche Quellenautoren nach, von denen man im Zusammenhang mit Platon zwar wußte, die man jedoch nun zum ersten Mal in authentischen Textpartien lesen kann. Anderes wird ergänzt und bestätigt.

Besonders auffallend wirkt vor dem Hintergrund dieses Stücks neuzeitlicher Wissenschaftsgeschichte eine Bemerkung des Dikaiarchos zu Platons Dialogen am Anfang von Philodems Buch. Dikaiarch (aus Messene in Sizilien) war ein Schüler des Aristoteles und des Theophrast. Nachdem er Platon zunächst bescheinigt, daß er "am meisten von allen Menschen die Philosophie gefördert und vollendet" habe, heißt es dann doch auch ein wenig tadelnd: "Er hat nämlich sozusagen Unzählige durch die Niederschrift seiner Dialoge zur Philosophie hingewendet. Dabei hat er jedoch andererseits auch manche auf oberflächliche Weise zu philosophieren veranlaßt, indem er sich auf eine offen sichtbare, breite Straße ablenkte."