Von Joachim Jauer

Prag, im November

Das kleine Flugblatt zeigte den Böhmischen Löwen, das tschechische Wappentier, gefesselt mit einer Kette. Doch ein Glied der Kette war gerissen. Daneben groß der Appell: TEĎ – JETZT!

Der Aufruf, mit dem die "Tschechoslowakische Unabhängigkeitsinitiative" zu einer friedlichen Demonstration am 28. Oktober, dem Nationalfeiertag, auf den Wenzelsplatz einlud, klebte an zahlrei:hen Häuserwänden in Prag – doch nur einen Tag lang. In der Nacht schon wurden die Mini-Transparente von dem großen ordnungsliebenden Urbekannten wieder entfernt.

Dennoch kannten Tausende den Termin und versammelten sich am Gründungstag der Tschechoslowakei auf dem Wenzelsplatz; Der Aufruf wurde getragen von fünf Oppositionsbewegungen: die Bürgerrechtler der "Charta ’77"; die "Kinder von Böhmen", junge Leute, die bereits die Kundgebung am 21. August organisiert hatten, bei der über 10 000 Menschen an die Zerschlagung von Dubčeks Modell des "Sozialismus mit menschlichen Antlitz" erinnerten; dann die "Demokratische Initiative", die für die Ideale des Gründervaters der freien Tschechoslowakei, ihres ersten Präsidenten Tomas Masaryk, von 1918 eintritt; ein; "Unabhängige Pazifistenvereinigung" und schließlich der "Klub der Freunde der Vereinigten Staaten".

TEĎ – JETZT! Sie wollten der unabhängigen Republik mit sehnsüchtigem Stolz gedenken – und auch mit kritischem Blick auf die Verhältnisse in der ČSSR heute, 20 Jahre nach dem "Prager Frühling". Doch der Demonstrationsantrag der Opposition wurde abgelehnt, der neue Innenminister Kyncl verhängte über die gesamte Prager Innenstadt ein Versammlungsverbot.

Eine Ausnahme galt nur für eine Jubeldemonstration, zu der die Kommunistische Partei 200 000 Teilnehmer aus Prag und Umgebung am Vorabend des Nationalfeiertages auf den Wenzelsplatz bestellt hatte. Denn, um der Opposition zuvorzukommen, hatte die Partei den 28. Oktober zum Gedenken an die Gründung der ČSR vor 70 Jahren kurzerhand wieder zum Nationalfeiertag erklärt, nachdem sie ihn Anfang der fünfziger Jahre als "Bürgerlichen Gedenktag" abgeschafft hatte. Mit einer Kranzniederlegung an seinem Grab würdigte sie erstmals sogar den ersten demokratischen Präsidenten Masaryk, der bislang des Verrats am Fortschritt beschuldigt worden war. Der neue Parteichef Miloś Jake&#353:, der im vergangenen Dezember seinen altgewordenen orthodoxen Kampfgefährten Gustav Husák abgelöst hatte, ließ zu dieser inszenierten Kundgebung den Wenzelsplatz mit Parolen der pfestavba, dem tschechischen Wort für Perestrojka, bekränzen. Doch mit der radikalen Umbauenergie des sowjetischen Reformers hat Jakeš’ pfestavba nichts zu tun. Perestrojka à la KPČ meint begrenzte Wirtschaftsreformen, mehr Effektivität von Industrie und Landwirtschaft und ein bißchen mehr Anreiz und Erleichterung für die kleinen, eng definierten Privatbetriebe.