Neunte Folge

Nun war alles zu Ende. Wieder fing ein neues Leben für sie an. Wie würde es sich gestalten, was ihr bringen? Was sollte sie tun, wohin jetzt ihre Schritte lenken? Wer riet ihr ehrlich, wie sie weiterleben konnte? – Helmut! Mit eins stand es klar vor ihr: zu ihm wollte sie gehen; er würde ihr helfen.

In Berlin angekommen, nahm Käthe eine Droschke und ließ sich zu Helmut fahren. Vom Anhalter Bahnhof ging es über den Potsdamer Platz in die Leipziger Straße. Als der Kutscher hielt, flog ihr Blick prüfend an dem großen Hause empor. Sie trat ein. Ein großer, starker Mann in einer Art Livree saß in dem kleinen Raum am Tisch und hob den Kopf. "Sie wünschen?" – "Ich muß Herrn Doktor Rodeck sprechen. Wollen Sie mir, bitte, sagen, wie ich zu ihm gelange." Käthe folgte seiner Weisung und stand gleich darauf vor der mit "Chefredakteur" bezeichneten Tür. Sie ging entschlossen darauf zu, klopfte an, und als keine Aufforderung von drinnen erfolgte, trat sie ein. Sie hatte ein großes, helles Zimmer vor sich mit hohen Bücherregalen und einem mächtigen Diplomatenschreibtisch. Vor diesem Schreibtisch, den Rücken ihr zugekehrt, saß Helmut Rodeck.

"Käthe!" Staunen, Schreck und heiße Freude lagen in diesem Ausruf. – "Ja, Helmut, ich bin es wirklich," sagte sie leise. "Du sollst ohne Umschweife hören, was geschehen ist. Ich habe mich von meinem Manne getrennt und werde nie zu ihm zurückkehren." Er sprang auf und lief einige Male auf und ab. Der Sturm, den diese Worte in ihm entfesselten, ließ ihn nicht ruhig auf seinem Platz verharren. Wie eine tosende rosige Welle schlug es über ihm zusammen. "Sie ist frei!" jauchzte es in seinem Innern, und die Hoffnung wuchs mit eins riesengroß in seiner Seele. Er sah zu ihr hinüber. Ihr erschreckten, ängstlicher Blick gab ihm die Fassung zurück. Er biß die Zähne zusammen, um die jubelnden Worte nicht hervorzulassen, und trat vor sie hin. "Du wirst dich von ihm scheiden lassen?" – "Wenn er es wünscht, ja."

"Und was soll nun mit dir geschehen?" – "Da sollst du mir raten, deshalb kam ich zu dir. In Berlin möchte ich bleiben und arbeiten – fleißig und tüchtig schaffen." – "Du weißt – ich stehe dir mit allem zur Verfügung. Deine letzte Übersetzung ist famos, ganz vorzüglich. Aber wird dir diese Tätigkeit nicht zu eintönig werden?" – "Auf andere Art mich zu betätigen, fehlen mit die Fähigkeiten." – "Nun, das wird sich ja alles finden."

Sie schritt an seiner Seite hinaus. Alle, die ihnen begegneten, grüßten respektvoll und traten zur Seite, um sie vorbeizulassen. Draußen rief er einen vorbeifahrenden Taxameter an, half Käthe hinein und nahm an ihrer Seite Platz. Zuerst fuhren sie nach einem Pensionat. Dort fand Käthe freundliche Aufnahme. Sie wäre am liebsten nun ruhig in ihrem Zimmer geblieben, die nervöse Abspannung machte sich doch nun geltend. Aber sie wollte Helmut die Freude nicht verderben und ließ sich von ihm führen, wohin er wollte.

Bei der Mittagstafel am anderen Tag lernte Käthe verschiedene Herren und Damen des Pensionats kennen. Für Käthe war das eine vollständig neue Welt. Die Damen standen meist auf eigenen Füßen, übten einen bestimmten Beruf aus und waren durchgängig sicher und gewandt im Auftreten, Helmut kam gegen vier Uhr. Er nahm ihre Hand: "Ich erzählte dir, daß ich so nötig eine Entlastung brauche, daß ich einen Sekretär suche und die passende Persönlichkeit nicht finden kann. Jetzt habe ich sie, hier vor mir sitzt sie. Sag, Käthe, würdest du wohl dieses Amt annehmen?" Sie sah ihn staunend an. "Ich?" – Ja, du."