Die Chance, Vogel des Jahres zu werden, hat die Elster nicht. Wohl ist sie seit längerem der umstrittenste Vogel der Jahre, jedenfalls bei uns. 1986 verabschiedete die Bundesregierung nach einer EG-Richtlinie ein Gesetz, wonach Eichelhäher, Krähen und Elstern nicht mehr geschossen werden dürfen. Für viele – keineswegs für alle – Natur- und Vogelschützer ist dies ein unsinniger Beschluß.

Die bei uns heimische Elster ist in fast allen Ländern Europas, in Asien, Nordafrika und in weiten Teilen Nordamerikas anzutreffen. In der Bundesrepublik hat sie sich nach meiner Beobachtung in den letzten 15 Jahren stark vermehrt. Sie ist überdies so etwas wie ein "Autobahn-Vogel": Als Allesfresser nimmt sie auch Aas, und zu Tode gekommene Kaninchen, Hasen, Vögel, Igel, Katzen fallen an den Autobahnen Tag für Tag an.

Abseits der Autobahnen kann die Elster ganze Landschaften veröden. In weitem Umkreis plündert sie die Nester von Singvögeln. Das wußte man schon vor 150 Jahren. Doch damals war der Bestand der Elstern noch auf natürliche Weise reguliert, überall gab es Habichte, Wanderfalken, und der Marder war kein seltenes Tier. Heute lebt die Elster, die bis in die Innenstädte vorgedrungen ist, fast überall ohne Feinde.

Von ferne erscheint die Elster als ein schwarzweiß gezeichneter Vogel. In Wahrheit hat sie ein Federkleid von schillernder Pracht. Was schwarz erscheint, wird in der Nähe zu irisierendem Blau, auch dunklem Grün bis Violett, abgesetzt zum Weiß der Seiten und des Bauches wird es zu einem dunkelfarbigen Regenbogen. Beide Geschlechter sind gleich gefärbt. Die kurzen Flügel machen die Elster zu einem unbeholfenen Flieger; es scheint, als stoße sie sich ruckartig durch die Luft, nur der Gleitflug ist elegant. Am Boden läuft sie plump und wackelnd herum, dennoch ist sie alles andere als ein tumber Vogel. Sie ist äußerst wach, vorsichtig gegenüber dem Menschen, obgleich sie seine Nähe nicht scheut. Wenn es darum geht, Beute aufzuspüren, ist sie ein ausdauernder Beobachter, begabt mit dem Instinkt einer Raubkatze.

Die Elster ist Standvogel. Schon im Februar beginnt sie mit dem Nestbau, meist in hohen, nicht zu dicht stehenden Bäumen, am Feldrand, an Landstraßen, in Parks und in großen Gärten. Das Nest ist einem nach allen Seiten geschlossenen Korb ähnlich. Zuerst werden grobe Reiser zusammengetragen, darauf wird eine Schicht aus Lehm oder breiiger Erde gelegt; wenn sie getrocknet ist, formen die Vögel eine Nestmulde aus weichem Material, aus Haaren, Wolle, Federn und heute wohl auch aus Papier und Folien. An der Seite des "Korbnestes" ist ein kleines Einschlupfloch. Ich habe einen solchen Nestbau in einem Kölner Garten aus acht Meter Entfernung beobachten können, es entstand in einer etwa 18 Meter hohen amerikanischen Eschenart in 15 Meter Höhe. Dieses Nest wurde – ob stets von dem gleichen Paar, weiß ich nicht – drei Jahre lang benutzt, jeweils im Frühjahr ausgebessert, auch vergrößert, wie mir schien, bis es von einem Weststurm fast vollständig weggeblasen wurde.

Im Nest können bis zu zehn Eier liegen. Die Brutzeit beträgt knapp drei Wochen, und wohl vier Wollen lang werden die Jungen im Nest gefüttert. Wie lange die flugfähigen Jungen bei den Eltern bleiben, habe ich nicht feststellen können, mir sind auch keine konkreten Angaben bekannt. – Augenzeuge war ich, als ein Elsternpaar in meinem Garten ein Hänflingsnest plünderte. Da ich hinzukam, ließen sie zwei der fast flugfähigen Jungen in den Ästen einer Fichte hängen. Getötet. Ein Jahr später passierte dasselbe mit einer Grünfinken-Brut, und stets wurden die jungen Singdrosseln Opfer der Elstern. Dann aber nistete für viele Jahre am nahen Waldrand ein Habichtspärchen – und die Elstern blieben aus.

Schon im 12. Jahrhundert wird die Elster in Schriften erwähnt, als algster, alster, später im Schwäbischen auch als Hetze in Norddeutschland hat sich bis heute der Name Heister für die Elster erhalten. Und bis ins vorige Jahrhundert sind viele Elstern noch Opfer des Aberglaubens der Menschen geworden. So berichtet Brehm: Eine im März erlegte und an der Stalltür aufgehangene Elster hält nach Ansicht der Abergläubischen Fliegen und Krankheiten vom Vieh ab. Eine verbrannte und zu Pulver gestoßene Elster wurde zu "Diakonissinnenpulver", einem unfehlbaren Mittel gegen die Fallsucht.

Niemand verbrennt heute Elstern, doch daß die Natur aus dem Gleichgewicht ist, kann nicht bestritten werden, und das trifft nicht nur auf die Elster und ihre Vermehrung zu. In einigen Bundesländern ist der Abschuß der Elster für eine bestimmte Zeit, trotz EG, wieder freigegeben worden, und das nicht nur zugunsten der Jäger, die um Fasanen- und Rebhuhnküken fürchten. Niemand will der Elster den Garaus machen, so wie es fast gelungen wäre, die Greifvögel, die man Raubvögel nannte, auszurotten. Es geht um die "Bestandsregulierung", ein schlimmes Wort, denn es verrät Anmaßung, doch es war der Mensch, der die Natur in Unordnung gebracht hat, darum sollte er dort, wo er es vermag, das Gleichgewicht halbwegs wiederherstellen.