Von Helmut Schödel

Auf den Bergen des Allgäus kurven zwischen den Kühen die Jeeps der französischen Truppen herum. Der zweite Weltkrieg ist zu Ende. Eben noch wollte ein Soldat Hitlers einen anderen wegen Fahnenflucht standrechtlich erschießen. Klaus Gietingers and Leo Hiemers Film "Schön war die Zeit", das neueste Werk der "Westallgäuer Filmproduktion", beginnt mit einem (trügerischen) Happy-End: Otto Brettschneider (Joachim Bernhard) kann sich vorerst retten. Er ist Projektionist, Filmvorführer im "Alpen Kino" – drunten im Tal.

In einer Regennacht fährt ein eleganter Herr (Dieter Laser), ein Galanteriewarenhändler, den ein düsteres Schicksal niederzwingt, über Land und nimmt sich ein Zimmer im Hotel "Wilde: Mann". Zu dem Provinzhotel, dessen Namen Matthias Zschokkes zweiter Film als Titel führt, gehört ein Kino. Hier wird ein Junge, das schiere Leben, dem somnambulen Herrn, der wie eine Wedekind-Figur wirkt, zum Objekt der Begierde. Der blonde Jüngling ist Projektionist, Filmvorführer im Kino neben dem Hotel.

Bei den 22. Hofer Filmtagen spielten die Projektionisten und das Kino selber eine Hauptrolle: Wenn das Kino den deutschsprachigen Film nur noch selten vorführt, zeigt der deutschsprachige Film das Kino.

"Filou", der Erstling des in Bagdad geborenen Schweizers Samir, der zum Kreis um das ehemalige Züricher "Videoladen" Kollektiv gehört, das Filme wie "Züri brännt" oder "Wendel" produzierte, erzählt aus dem episodenhaften Leben des jungen Spontis Max. Als bekannt wird, daß das Züricher "Apollo Kino" geschlossen werden soll, jagt Max ein Polizeiauto in die Luft, nicht ohne vorher auch noch am Wagen die Antenne abzubrechen.

Der Schnittrhythmus des Films erinnert an ein Channel Crossing, wirkt wie fern-(seh)gesteuert, under remote control. Fernseher fallen in diesem Film vornehmlich aus höheren Stockwerken auf die Straße und zerplatzen. Mitten im Medienkrieg: der Film im Kampf um das Kino.

Im Jahr 1962 werden in Gietingers und Hiemers Film, einer Biographie des Kinos seit 1933, die "Alpen"-Lichtspiele abgerissen. Im Dorfkino zum "Vilden Mann" kann sich der Projektionist, der gerade "Die Mächte der Finsternis" vorführt, kaum fassen, als er einen Besucher entdeckt: "Wir haben einen Zuschauer, das kleine Schwarze dort, links von der Mitte!" Bei Zschokke ist inzwischen das Kino ein Ort der Dekadenz: die Illusion sehnt sich nach der Natur zurück. Was zählt, ist der Körper des Projektionisten.