Von Ulrich Schiller

Washington, im November

Wieviel Symbolwert kann ein altes Photo haben? Es stammt aus dem Jahre 1948, und die Demokraten lieben es: Harry Truman hält lachend eine druckfrische Ausgabe der Chicago Daily Tribune in die Höhe; die Schlagzeile lautet "Dewey schlägt Truman". Dabei hatte Truman die Präsidentschaftswahlen soeben gegen seinen republikanischen Herausforderer Thomas Dewey gewonnen – allen Auguren, Umfragen und Voraussagen zum Trotz. Michael Dukakis hofft jetzt auf ein ähnliches Wunder; er setzt auf eine Wiederholung der Truman-Überraschung. Es liege etwas in der Luft, meint er. Die Wähler seien der Schlammschlachten überdrüssig; nun, kurz vor dem 8. November, würden sie nach Themen und Inhalten fragen und sich die beiden Kandidatengespanne daraufhin noch einmal ansehen.

Kein Zweifel, der Endspurt führt Dukakis neue Energien zu. Plötzlich beweist er – was viele demokratische Stammwähler bisher bei ihm schmerzlich vermißten –, daß er kämpfen kann. Er zeigt sogar Gefühle, und neue Zuhörerscharen danken ihm mit Jubel. Das beflügelt den Präsidentschaftskandidaten und läßt ihn Dinge klarstellen, die er allzulange im Unklaren ließ. "Ja, wir brauchen einen Präsidenten in der liberalen Tradition, in der Tradition Franklin Roosevelts, Harry Trumans und John Kennedys", erklärte er in Kalifornien. Und: "In dieser Tradition bin ich groß geworden."

Warum nur, fragen seine Freunde, hat er dieses Bekenntnis so lange gescheut? Schließlich habe Amerika allen sozialen Fortschritt doch den Liberalen zu verdanken: den gesetzlichen Mindestlohn, die 40-Stunden-Woche, die Tarifverhandlungen, die Bürgerrechte, das gleiche Wahlrecht. Statt dessen ließ es Dukakis geschehen, daß Vizepräsident Bush das ominöse "L-Wort" unangefochten, Abscheu auf dem Gesicht, in jede Versammlung schleuderte. Es war vielleicht Dukakis’ entscheidender Fehler, nicht sofort zurückzuschlagen und die Definition des L-Wortes Bush zu überlassen: liberal gleich links gleich fern der Mitte des Volkes. Und das blieb hängen. Wie viele andere Unterstellungen und Verfälschungen.

Die konservative Grundstimmung des Landes am Ende der Ära des populären Präsidenten Ronald Reagan fest im Blick, hatten die Wahlkampfmanager des Vizepräsidenten bereits im Mai herausgefunden, wie und wo Michael Dukakis verwundbar sei. Aus der sicheren Deckung einer verspiegelten Glasscheibe (die Geschichte ist von mehreren Zeitungen belegt) beobachteten sie, wie 30 demokratische Stammwähler auf Halbwahrheiten über Dukakis reagierten: Die Hälfte lief am Schluß der Sitzung dem Demokraten von der Fahne.

Damit war die republikanische Wahlkampfstrategie entschieden. Kaum hatte die Kandidatur George Bushs den Segen des Parteikonvents in New Orleans empfangen, wurde sie mit der ganzen Gewalt moderner Kommunikation ins Werk gesetzt. Beispiel: Aus "legalistischen" (in Wahrheit verfassungsrechtlichen) Gründen habe der Gouverneur von Massachusetts, Dukakis, verboten, das Hersagen des Flaggeneids zur täglichen Pflicht in den Schulen seines Bundesstaates zu machen. Also ist er kein Patriot. Beispiel: Im Rahmen der in den meisten Bundesstaaten geltenden Resozialisierungsprogramme für Kriminelle erhielt in Massachusetts auch ein Mörder Urlaub vom Gefängnis – und vergewaltigte eine Frau. Eine Tragödie. Auch in anderen Bundesstaaten, selbst in Kalifornien unter dem Gouverneur Reagan, hatten sich ähnliche Tragödien ereignet. Dennoch blieb die Schlußfolgerung: Dukakis ist "weich" gegenüber Verbrechern.