Von Fritz J. Raddatz

Beste DDR-Literatur aus USA. Da das kein Aperçu sein soll, will es begründet sein. Die Literatur in der DDR hat seit eh und je eine gleichsam zusätzliche, außerliterarische Funktion: Sie ersetzt die nicht vorhandene Öffentlichkeit, nimmt nicht ausgetragenen Disput und nicht verbreitete Information auf; von Erwin Strittmatters "Ole Bienkopp" über Christa Wolfs "Störfall" bis zu Volker Brauns Lenin- und Trotzki-Stücken gibt es da eine lange Linie.

Die seriöse amerikanische Literatur entspricht dem auf paradoxe Weise, wie die amerikanische Gesellschaft sich antipodisch zur DDR-Wirklichkeit verhält: Im gigantesken Brei einer Nachrichten-Inflation geht echte Information unter. Rundum-die-Uhr-Gedudel von der Sauna bis zum Büro-Lift, Millionen von Glanzpapier-Magazinen und die tagfüllende Mattscheibendämmerstunde haben gezüchtet: den lesenden Analphabeten. Daß Millionen Amerikaner nicht wissen, wo Vietnam überhaupt liegt, Gorbatschow für den Chef der NATO halten und China als bevölkerungsärmstes Land der Welt einstufen, ist inzwischen Repertoire sämtlicher statistischen Umfragen. Aber der sonderbare Umkehrschluß, daß die Dauerberieselung durch Pseudo-Nachrichten eine nahezu totale Desinformation zur Folge hat, bewirkt noch mehr (respektive weniger) – Amerika kennt sich selber nicht. Mit demselben System, mit dem heile Natur in vielen Varianten verlockender Schönheit nur noch in Reno-, Marlboro- oder Bacardi-Reklamefilmen existiert (während die reale Natur gemordet liegt), hat die Gaukelwirklichkeit eines grotesken Propagandaschleiers sich über die wahre Wirklichkeit gelegt. Regieren als Regieleistung, Leben als Fortsetzungsserie. Die "selbstverabreichte Vollnarkose" nannte es ein amerikanischer Autor kürzlich. Disput gilt als Defekt wie Mundgeruch. Dagegen nimmt man Deospray, Reader’s Digest. Die amerikanische Öffentlichkeit artikuliert sich durch tausend schnelle Silberzungen. Durch Sprache nicht.

Der Diskurs findet in der amerikanischen Literatur statt. So intensiv wie erfolglos. "Susan Sontag beeinflußt keine acht Leute in Arkansas", sagte der erwähnte Autor, James Michener. Davon kann der jetzt dank einer mutigen Verlegerleistung endlich in Deutschland vorgestellte Schriftsteller William Gaddis ein Lied singen. Er ist der hilflosen Presseabteilung des eigenen Verlages so fremd, daß auf die Bitte nach Archivmaterial – die Rezensionen aus FAZ und SZ zugeschickt werden. Diese Quellen kannte man ja nun gar nicht ...

William Gaddis, mit sechsundsechzig Jahren nach zwei gescheiterten Ehen auf Long Island lebend, ist einer der wichtigsten amerikanischen Autoren. Dafür wurde er im eigenen Land dreißig Jahre lang bestraft – seine Romane "The Recognitions" (1965) und "JR" (1975) wurden sozusagen direkt von der Druckerei in den Reißwolf geliefert; die Kritik nahm die hochkomplizierte literarische Struktur nicht an, das Publikum mochte in den gnadenlos blankgeputzten Spiegel nicht blicken, dessen Bild William Gaddis für durchaus realistisch hält: "Was diesen Aspekt Amerikas betrifft schon, die Hochfinanz, die Börse, die Verschwendung, die durch das Geld erst entsteht. Die großen Firmenaufkäufe der letzten Jahre, daran ist nichts Produktives; ein paar Leute verdienen ihre Millionen, und dann schließen Sie die Fabriken. Inzwischen werden die Teile für amerikanische Autos in Mexiko, Taiwan und Korea hergestellt, während die Japaner japanische Autos in Amerika produzieren. Ich kann das einfach nicht begreifen. Denken Sie nur an die Schadensersatzsummen, die gezahlt werden. Der verrückteste Fall – den nicht einmal JR hätte erfinden können – ist der Texaco-Pennzoil-Getty-Oil-Prozeß, in dem Texaco schließlich dazu verurteilt wurde, wegen Vertragsbruchs zehneinhalb Milliarden Dollar Schadenersatz an Pennzoil zu zahlen. Ein absoluter Wahnsinn. Aber es ist nur ein Teil des großen Wahnsinns, das zwei Billionen Dollar Defizit, die gigantische Rüstungsindustrie. Haben Sie von diesem Waffensysteir. gehört, das Hubschrauber abschießen sollte, indem es die Druckwelle des Rotors ortet, alles automatisch? Sie dachten, sie hätten es soweit und haben es ausprobiert, und dann steht da ein Haus mit einer großen Lüfteranlage, und das Ding sucht es sich und nimmt es aufs Korn. Es hat über eine Milliarde Dollar gekostet, bevor das Projekt eingestellt wurde. Aber die Rüstungsindustrie hat eine solche Macht – auch da haben wir wieder ein sich selbst perpetuierendes System. Immer neue Projekte, die Forschungen dazu – und am Ende kommt dann etwas so durch und durch Wahnsinniges wie das ‚Star Wars’-Programm heraus: es müßte schon einen Atomkrieg geben, einen totalen Atomkrieg; dann könnte man sehen, ob es funktioniert. Dann wüßte man es."

Diese rigorose Bitterkeit bestimmt den (vorzüglich übersetzten) Roman, ein Wunderding an Sprachkraft, eine Meisterleistung in Dialogregie.

Verspiegeltes Hexenhaus