Emotionen, Eruptionen und Einübung der Demokratie: Die Abrechnung mit dem Diktator sprengt alle Grenzen

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im November

Der bebrillte junge Mann mit korrekt sitzender Krawatte und grauem Einreiher hüllt seine Militanz in milde Gestik. Ein neuer Typ des kompromißlosen Opponenten gegen das sowjetische Einparteiensystem, ein Mitglied der umstrittenen "Demokratischen Union", trägt Unerhörtes mit glattem Lächeln vor. "Ich empfehle", sagt er im Moskauer "Haus des Kinos" gelassen ins Mikrophon, "daß die Lubjanka, das zentrale KGB-Gebäude, von der Gesellschaft Memorial als Museum und Gedenkstätte für die Opfer des Stalinismus übernommen werden sollte. Ich beantrage eine Abstimmung über diesen Vorschlag."

Damit ist der Rahmen gesprengt, der das längst aufgewühlte und zeitweilig auch gegeneinander aufgebrachte Auditorium bis dahin noch zusammengehalten hat. Zwei Tage schon hat die von jungen Leuten spontan gegründete, von den offiziellen Kulturverbänden weitergeführte und von Gorbatschow am Ende der 19. Parteikonferenz im Juli mit einem schnellen Handstreich abgesegnete Bewegung zur Errichtung von Denkmälern und Dokumentationszentren für die Opfer des Stalinismus debattiert – und dabei hat sie die sowjetische Vergangenheitsbewältigung über alle bisher noch existierenden Grenzen hinausgetrieben. Das Vorbereitungstreffen für die konstituierende Versammlung am 17. und 18. Dezember ist zum Tribunal geworden.

Zwischen Empörung und Erschütterung, Beklommenheit und Selbstbefreiung, Bewunderung und Geringschätzung für Gorbatschows Bemühungen haben sie alle bereits Unfaßliches gesagt und gehört – die in ihren jahrzehntelangen Rehabilitierungskämpfen von Ungeduld zu Unermüdlichkeit gereiften Kinder der ermordeten Altrevolutionäre, die für immer gezeichneten Frauen und Männer aus den Lagern, die von der neuen Repression Ende der siebziger Jahre verbitterten und verhärteten Bürgerrechtler, die ungebrochenen Idealisten um den geduldig zuhörenden Schutzpatron Andrej Sacharow, die um Toleranz für den Reformkurs werbende Kulturprominenz und die unbelasteten Jungaktivisten mit dem neu erwachten moralischen Rigorismus der politisierenden Literaten des 19. Jahrhunderts.

Immer wieder haben die Realisten versucht, Spontane und Fundamentalisten zu bremsen. Die Aufrufe zu staatsbürgerlicher Selbstkontrolle und die vom Präsidiumstisch beharrlich gelenkte Einübung der Demokratie haben das emotionsgeladene Spiel mit dem Feuer gezügelt – bis der blasse, scheinbar sanftmütige Jüngling den Umbau des KGB-Hauptquartiers zum Denkmal empfiehlt.