Von Franz Böckle

Das Recht der Selbstergänzung des akademischen Lehrkörpers gehört zu den fundamentalsten Rechten akademischer Selbstverwaltung. Wenn die Entwicklung der neuesten Zeit anhält, droht dieses Recht den Katholisch-Theologischen Fakultäten vollends verloren zu gehen oder sich zur reinen Farce zu wandeln. Um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen: Im Bereich der Theologie unterliegt die Lehrfreiheit glaubens- und bekenntnismäßigen Grenzen. Das wird im Prinzip von niemandem bestritten. Dazu dienen auch die konkordatären Regelungen. Diese aber werden, wie die neuesten Fälle der Lehrbefugnisverweigerung bedrückend dokumentieren, machtpolitisch strapaziert. Da soll an der Universität Bamberg ein Systematiker, der schon mehrere Semester mit Erlaubnis des Bischofs ohne Beanstandung lehrt, zum C3-Professor ernannt werden. Weil er damit auf Lebenszeit angestellt wird, muß der Bischof bei der Kongregation für das Bildungswesen in Rom anfragen. Rom antwortet: Zwar gäbe es gegen Herrn K. keine sachlichen Einwände. Als ehemaliger Assistent von Professor Küng habe er aber "eine gewisse ‚Bringschuld‘". Wörtlich fährt dann die Anlage zum Schreiben an den Erzbischof von Bamberg vom 7.9.1987 fort: "Angenommen Herr K. wäre nicht Assistent von Herrn Küng gewesen, würde man ihm wahrscheinlich ... keine Schwierigkeiten machen". So aber müsse er sich zuerst öffentlich von Küng distanzieren, sonst könne man ihm die Lehrerlaubnis nicht erteilen.

Nicht besser sieht es in Bonn aus. Hier wurde jüngst bekannt, daß dem vom Ministerium auf Antrag der Fakultät auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an die Bonner Universität berufenen Professor Karl-Wilhelm Merks die Lehrerlaubnis verweigert werde. Auch hier erhebt Rom völlig unsachliche und diffuse Vorwürfe, die leicht erkennen lassen, daß es nicht um dogmatische Abweichungen von der kirchlichen Lehre, sondern um einen reinen Richtungsstreit unter Theologen geht. Die Bischöfe Hemmerle (Aachen) und Luthe (Köln) wehren sich im Verein mit der Theologischen Fakultät der Universität Bonn gegen diese Vorwürfe. Sie sind vom "schweren Unrecht, das Herrn Merks damit angetan werde" überzeugt und äußern sich auch mehrfach entsprechend. Die römischen Instanzen aber bleiben fest. Am 24. Juni beugt sich Bischof Luthe dem Diktat Roms und schreibt unter Hintanstellung der eigenen Überzeugung an das Wissenschaftsministerium in Düsseldorf: "Herr Prof. Merks hat in seinen Veröffentlichungen Meinungen vertreten, die nicht mit der Lehre der katholischen Kirche vereinbar sind. Eingehende Prüfungen der Veröffentlichungen haben gravierende Bedenken ergeben, so daß ich mich außerstande sehe, das nihil obstat für die Berufung des Herrn Prof. Merks auf die Professorenstelle zu erteilen." Diese schweren Vorwürfe sind dem Ministerium gegenüber unter Hinweis auf die alleinige Zuständigkeit der Kirche nicht begründet worden. Es ist allein der Aufmerksamkeit und dem entschiedenen Willen der Ministerin Anke Brunn zu verdanken, daß damit die Akte nicht geschlossen wurde. Ihrer Uberzeugung nach erlaubt auch das Konkordatsrecht keine Willkür und verlangt bei einer so gravierenden Verurteilung ein Minimum an Plausibilität des Verfahrens. Man ist gespannt, ob nun Rom bereit ist, den Angeschuldigten wenigstens anzuhören. Er hat sich längst zu einem Gespräch bereiterklärt.

Die Verfahren aus der letzten Zeit ließen sich leicht ergänzen. Es ist überdeutlich, daß der Papst mit Hilfe seiner Verwaltung über die zuständigen Ortsbischöfe hinweg direkten Einfluß auf die Besetzung der Lehrstühle an den Theologischen Fakultäten nehmen will. Nicht nur Bischofsstühle, auch theologische Lehrstühle sollen voll unter die römische Zentralverwaltung gebracht werden. Dies wirft eine Reihe grundsätzlicher Fragen auf.

Liegt die Verantwortung für die Erteilung der Lehrbefugnis in letzter Instanz beim Ortsbischof oder in Rom? Die apostolische Konstitution "Sapientia christiana" bindet die theologischen Fakultäten an die römische Ordnung. In einem am 1.1.1983 veröffentlichten "Dekret über die katholisch-theologischen Fakultäten in den staatlichen Universitäten im Bereich der deutschen Bischofskonferenz" werden die Vorschriften der Konstitution "Sapientia christiana" an das Konkordatsrecht angepaßt. Damit bleibt die Letztverantwortung für die Erteilung der Lehrbefugnis beim Ortsbischof. Ein solcher Vorrang des Konkordatsrechts widerspricht aber einer rechtlichen Pflicht des Bischofs, einen römischen Einspruch auch gegen die eigene Überzeugung auszuführen. Wenn er von den römischen Einwänden nicht überzeugt ist, verbietet ihm seine eigene Verantwortlichkeit nicht nur moralisch, sondern auch juristisch, die römische Weigerung dem Minister gegenüber auszuführen. Doch unabhängig von der Rechtsfrage muß doch von der Sache her gesagt werden, daß die Besetzung theologischer Lehrstühle in erster Linie in die akademische Verantwortung der Fakultäten und in das sie tragende Vertrauen der Ortsbischöfe gehört. Wird dieses Prinzip ausgehöhlt, so wäre es redlicher, die katholische Theologie aus den Universitäten herauszunehmen und sie in kirchliche Hochschulen zu verlagern. Regierte Theologie verliert vollends ihren Wissenschaftscharakter. Die Länderverwaltungen würden von nicht wenigen Problemen und Lasten befreit.

Franz Böckle ist Professor emeritus für Moraltheologie an der Universität Bonn