Seit dem Beginn der achtziger Jahre wird sie immer wieder beschworen, die Krise der Gewerkschaften. Die Arbeiterbewegung, so die einhellige Analyse, läuft Gefahr, die Zeichen der Zeit zu verschlafen. Signale dafür lassen sich in der Tat genügend finden. Die rasante Entwicklung der Technik, die hohe Arbeitslosigkeit, der Übergang zur Dienstleistungsgesellschaft mit all seinen Folgen für die Arbeitsplätze – auf all dies fanden die Gewerkschaften bisher keine rechten Antworten.

Selbst auf ihrem ureigensten Feld, der Tarifpolitik, sind sie ins Hintertreffen geraten; die Lohnquote sank unter den Stand von 1962, und die Arbeitszeitverkürzung konnte nur unter großen Opfern mühsam erkauft werden. Die christliberale Koalition in Bonn hatte angesichts dieser offensichtlichen Schwäche wenig Mühe, die Arbeitnehmervertretungen auch politisch ins Abseits zu stellen. Doch nicht nur Strukturwandel und schwache Konjunktur, Unternehmer und konservative Politiker sind schuld an der Misere der Gewerkschaften, die sich durch sinkende Mitgliederzahlen und den Niedergang der Gemeinwirtschaft auch auf den Geldbeutel der Organisationen auswirkte.

Schwer zu schaffen machten ihnen zudem ihre eigene Unbeweglichkeit und Sturheit. Die wachsende Schar der Angestellten brüskierten die Funktionäre mit Klassenkampfparolen von gestern. Den unorthodoxen Ansprüchen der Jugendlichen begegneten sie mit Verständnislosigkeit und rigoroser Strenge. Und die lauter werdenden Forderungen der Frauen nach Gleichstellung blockten sie wie keine andere gesellschaftliche Kraft in der Bundesrepublik ab.

Beim Zukunftskongreß der IG Metall wurden solche Versäumnisse und Fehler der Vergangenheit nun erstmals öffentlich benannt und diskutiert. Gewerkschaftschef Franz Steinkühler verblüffte in seiner Rede zum Abschluß des dreitägigen Forums mit Wissenschaftlern, Politikern und einem Unternehmer – auch das ein bemerkenswertes Novum – mit selbstkritischen Einsichten.

Da wurde nicht mehr die uralte Forderung nach Vergesellschaftung der Industrie erhoben, im Gegenteil: Wer die Zukunft gestalten will, so Steinkühler, der komme am real existierenden Kapitalismus nicht vorbei. Da wurde nicht allein Klassenkampf und Streik das Wort geredet, sondern auch davon gesprochen, daß die Gewerkschaft den politischen Kompromiß suche, "wo immer er möglich ist". Da wurde nicht nur Solidarität, sondern auch Freiheit des einzelnen und damit die Anerkennung individuellerer Ansprüche der Arbeitnehmer zur Leitlinie gewerkschaftlichen Handelns erhoben. Da wurde von Flexibilisierung der Arbeitszeit und höherer Zeitsouveränität des Arbeitnehmers geredet. Da wurden Demokratie und Offenheit, Toleranz und Dialogfähigkeit nach innen und außen zu neuen Maximen erklärt.

Den nationalen Egoismus der Organisation kritisierte Steinkühler ebenso wie den rein unternehmensbezogenen Blickwinkel der Betriebsräte. Der absolute Kampf um den Erhalt von Arbeitsplätzen, mit dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Vergangenheit häufig gemeinsam den ökologischen Wandel verhindert oder verzögert haben, soll nicht mehr alleinige Priorität haben. Künftig sollen in den Strategien der Funktionäre auch "gesamtgesellschaftlich notwendige Überlebensinteressen" eine Rolle spielen. Und zum EG-Binnenmarkt mahnt der Gewerkschaftsvorsitzende: "Nicht jeder Arbeitsplatz kann und darf in der Bundesrepublik erhalten bleiben." Arbeitslosigkeit dürfe nicht dorthin exportiert werden, wo sie ohnehin schon am höchsten ist.

Daß solche fast revolutionär anmutenden Postulate in einer Massenorganisation nicht von oben verordnet werden können, sondern von der breiten Mehrheit der Mitglieder getragen werden müssen, machte Steinkühler freilich auch klar. Dieser Prozeß aber werde seine Zeit brauchen. Der Kurs eines Riesentankers läßt sich eben nicht mit einer Umdrehung des Ruders verändern. Und die typische "Wagenburg-Mentalität" von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern, vor der der SPD-Politiker Peter Glotz so eindringlich warnte, wird nicht von heute auf morgen weichen.