Die älteste Plutoniumfabrik steht in Hanford. In ihrer Umgebung sind viele Menschen krank.

Von Michael Schwelien

Washington

John Glenn, der ehemalige Astronaut und heutige US-Senator, sagte es mit stechender Präzision: "Wir vergiften unser eigenes Volk im Namen der nationalen Sicherheit." Glenn, der Nationalheld, der als erster Amerikaner in der Raumkapsel Apollo den Erdball umrundete, ist gewiß keine Friedenstaube und ebenso sicher kein Fortschrittskritiker. Höchste Beunruhigung, ja Alarm, ist gegeben, wenn dieser Glenn sich vor die amerikanische Presse stellt und fragt: "Macht es noch Sinn, wenn wir uns gegen die Sowjets verteidigen, indem wir Atomwaffen bauen und uns dabei selber vergiften?"

Erst waren es Tropfen an Information, der Protest einer örtlichen Umweltgruppe hier, der fragende Bericht einer Lokalzeitung oder die Detailanalyse einer Wissenschaftspublikation dort, dann wurde es ein Strom, in dem die New York Times, die Nachrichtenmagazine Time und Newsweek, die großen Fernsehstationen, Rechercheure des Kongresses und Bürgervereinigungen mit Tausenden von Mitgliedern den Waffenproduktionsstätten, deren zivilen Auftragnehmern und dem verantwortlichen Department of Energy, dem Energieministerium, ein Geheimnis nach dem anderen entrissen. Am Ende lief es wie nach dem Motto der deutschen Umweltbewegung – "steter Tropfen höhlt den Stein" – und Amerikas Produktion von Kernwaffen kam zum Stillstand.

Anfang Oktober mußte das Department of Energy drei seiner wichtigsten Atomanlagen abschalten:

  • Den Tritium produzierenden P-Reaktor im Savannah-River-Komplex bei Aiken in South Carolina; damit ist die letzte Möglichkeit genommen, Tritium herzustellen; Tritium ist ein Wasserstoff-Isotop, das die Sprengkraft nahezu aller der 22 000 amerikanischen Kernwaffen erhöht; zwei der fünf Reaktoren am Savannah River sind schon seit Jahren außer Betrieb; zwei weitere mußten nach Pannenserien im Sommer dieses Jahres gestoppt werden.
  • Die Plutonium-Verarbeitungs-Anlage in Rocky Fiats, nahe Denver in Colorado, wo das Plutonium für die Bomben zu waffenfähigen Teilen verarbeitet wurde; damit fehlt es an dem Grundelement der Abschreckung.
  • Das verharmlosend Feed Materials (Futter-Material) genannte Produktionszentrum in Fernald, Ohio; das "Futter" ist wiederaufbereitetes Uran, aus gebrauchten Brennelementen gewonnen; damit ist es dem Department of Energy unmöglich geworden, billig an den Grundstoff für die Waffenproduktion zu gelangen.