Von Gunhild Freese

Wenn in diesen Tagen zwei Zeitungsverlage den Wunsch äußern zu fusionieren, dann erschallt aus dem Bundeskartellamt in Berlin fast immer bombensicher ein klares Nein, weil sich sonst meist die Konkurrenzsituation im Blätterwald erheblich verschlechtert. Nicht so im aktuellen Fusionsfall am Pressemarkt, bei dem nicht einmal – wie beinahe immer – ein kleineres Provinzblatt von einem Großunternehmen geschluckt wird. Hier kommen – mit dem Segen des Berliner Amtes – gleich zwei auflagenstarke Gazetten in der Wirtschaftsmetropole Frankfurt unter ein Dach: die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) (Auflage im dritten Quartal 1988: 354 000) und die Frankfurter Neue Presse (Auflage: 126 000), ein Blatt fürs Kleinbürgertum.

Verschmelzen freilich sollen hier nicht die beiden Zeitungen, sondern die Stiftungen, die jeweils über den geschäftsführenden Gesellschaften stehen: die Fazit-Stiftung Gemeinnützige Verlagsgesellschaft mbH und die Imprimatur Gemeinnützige Gesellschaft mbH. Künftig wird es nur noch die Fazit-Stiftung geben, in die die Imprimatur entsprechend ihren Kapitalanteilen vier Kuratoren entsendet, fünf stellt die Fazit. Damit hat sie die Mehrheit in beiden, weiter unabhängigen geschäftsführenden Gesellschaften: bei der FAZ GmbH wie auch bei der Frankfurter Societäts-Druckerei, die die Frankfurter Neue Presse nebst etlichen regionalen Ablegern, das Boulevardblatt Abendpost/Nachtausgabe (Auflage: 130 000) sowie ein Anzeigenblatt herausgibt.

"Hier soll nur etwas juristisch vollzogen werden", so erläutert Hans-Wolfgang Pfeifer, Geschäftsführer der FAZ GmbH, "was im Laufe der Jahrzehnte praktisch entstanden ist." Und das ist ein ganzes Geflecht von Beziehungen. Die Societäts-Druckerei, die "auf Zeit und Ewigkeit" (Pfeifer) verpflichtet ist, die FAZ mit Vorrang herzustellen, ist mit 26,32 Prozent an der FAZ GmbH beteiligt. Umgekehrt ist die FAZ GmbH über eine Zwischenholding am Maschinenpark der Societät, die auch eine Teilauflage der britischen Financial Times druckt, beteiligt. Und schließlich stehen FAZ-Gebäude auf Grund und Boden der Societät. Die FAZ GmbH wird sich nun ihrerseits direkt mit zwanzig Prozent an der Societät beteiligen.

Auch wenn die involvierten Zeitungen weiterhin unabhängig voneinander bleiben, so war es doch der Pressemarkt, der die Berliner Kartellbehörde interessierte. Am Lesermarkt wie im Anzeigengeschäft kann nach Ansicht der Wettbewerbsbeamten unter dem Dach der Fazit-Stiftung keine marktbeherrschende Stellung entstehen. Weder die FAZ, die unter den überregionalen Tageszeitungen mit der Süddeutschen Zeitung um den ersten Platz streitet, noch die Frankfurter Neue Presse haben unter den Abonnementszeitungen in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet eine herausragende Position. Die Neue Presse verkauft hier den größten Teil ihrer Gesamtauflage von gut 126 000 Exemplaren. Die FAZ bescheidet sich mit rund 80 000 Stück. Aber Marktführer ist unangefochten die linksliberale Frankfurter Rundschau (FR), die mit durchschnittlich knapp 130-000 Exemplaren etwa zwei Drittel ihrer Gesamtauflage in dieser Region vertreibt. Noch deutlicher ist die Dominanz der Rundschau auf dem Anzeigenmarkt. So fiel es den Berliner Wettbewerbshütern auch leicht, die Fusion der Stiftungen abzusegnen.

Das war vor sieben Jahren noch ganz anders gewesen. Schon damals war dem Kartellamt der Fusionsplan vorgelegt worden. Doch die Frankfurter Rundschau hatte erhebliche Bedenken, zumal damals auch die geschäftsführenden Gesellschaften unterhalb der Stiftungen hatten fusionieren sollen. Das Kartellamt untersagte den Zusammenschluß. Inzwischen hat sich die Marktsituation geändert – zugunsten der FR. Nach Ansicht der Berliner Beamten dürften sich zwischen den neuen Schwesterblättern auch kaum Synergieeffekte einstellen. Zu unterschiedlich sind Leserschaft und Anzeigenkundschaft von FAZ und Frankfurter Neue Presse. Während die FAZ vorwiegend von einkommensstarken, überdurchschnittlich gebildeten, konservativen Lesern in der ganzen Republik geschätzt wird, richtet sich die Frankfurter Neue Presse an die bodenständige Mittelschicht. Entsprechend gestaltet sich das Anzeigengeschäft. Die FAZ lebt von den großen nationalen Firmen- und Finanzanzeigen sowie von den Stellenanzeigen für hochqualifizierte Jobs. Die Frankfurter Neue Presse hingegen tut sich überhaupt schwer mit dem Anzeigengeschäft. Die Postition der Frankfurter Rundschau ist daher seit 1981, als die Fusion zum ersten Mal versucht wurde, noch stärker geworden. Artur Wagner, Verlagsleiter der FR, sieht den Zusammenschluß heute denn auch "sehr gelassen". Ihm fallen nun sogar positive Seiten der Angelegenheit ein: "Das ist gut für die Vielfalt am Frankfurter Pressemarkt." Während die beiden großen Blätter FAZ und FR in ihren jeweiligen Segmenten hinzugewonnen haben, ist der Konkurrenzkampf der kleineren Regionalblätter schwieriger geworden. Im Jahre 1978 nämlich trat die Bild mit einer stattlichen Lokalausgabe an. Inzwischen findet Bild Frankfurt täglich 202 000 Käufer – deutlich mehr als das ehemals führende Boulevardblatt der Societät, die Abendpost/Nachtausgabe. Aber auch die Frankfurter Neue Presse mußte an das Springer-Blatt Leser abgeben. Doch deren Auflagenschwund, so scheint es, wurde erstmal gestoppt. Das Boulevardblatt freilich muß weiter Federn lassen.

Ob nun die vereinte Kraft von FAZ und Societät die Wende herbeiführen kann, ist nicht sicher. "Was soll man tun", denkt Hans-Wolfgang Pfeifer laut, "wenn eine Boulevardzeitung einmal die Führung verloren hat?" Seit Wochen schon kursieren in Frankfurt Verkaufsgerüchte.