Über den Philosophen, Anarchisten und Hofnarren Julien Offray de La Mettrie

Von Michael Winter

Oft schon lockte die Biologie alle Talente von den anderen Wissenschaften weg. Gegen Mitte des 18. Jahrhunderts zum Beispiel interessierten sich die Koryphäen der Moralphilosophie, der Naturgeschichte, Physik und Mathematik plötzlich für die merkwürdigsten Dinge. Rene-Antoine Ferchault de Reaumur amputierte Hummerbeine, John Turberville Needham, ein katholischer Priester, kochte Hammelbrühe und rührte Pampen aus Mehl und Wasser an. Charles Bonnet isolierte neugeborene Blattläuse und stocherte in Hühnereiern herum, und François de La Peyronie entfernte Schädeldecken und drückte mit seinen Fingern auf entblößte Gehirnhäute. Das größte Aufsehen aber erregte die Entdeckung der Hydra. Abraham Trembley zerschnitt in Genf einen Süßwasserpolypen in vier Streifen und beobachtete, daß jeder der Teile sich zu einem vollständigen neuen Tier entwickelte – die Fachwelt war beeindruckt. All dieses Zerschneiden, Amputieren und Kochen diente nur der einen Frage: Wie entsteht Leben? Eine Frage, die zeigt, wie weit man der Schöpfungsgeschichte bereits mißtraute.

Die These von der Selbstorganisation des Lebens war eines der "heißesten" Themen der Aufklärung, und alle kochten und sezierten fleißig mit – ob sie nun zu retten suchten, was zu retten war oder gleich aufs Ganze gingen und nichts anderes mehr gelten ließen als die bloße Materie. So entdeckte Charles Bonnet an seinen Läusen die Parthenogenese, und aus der Untersuchung der Eier entwickelte er seine Verkapselungstheorie, nach der das Ei alle Keime aller Nachkommen bis ins Unendliche enthält. Nachdem er so die These von der Urzeugung gerettet hatte, beschäftigte er sich, um sich schnellsten vom Verdacht des Materialismus reinzuwaschen, mit der Wiedergeburt des Menschen als vollkommeneres Wesen. Auch La Peyronie wollte mit seinen Hirnhautexperimenten nur beweisen, daß der Sitz der Seele in der Hirnhaut sei, nicht aber, daß es keine Seele gebe. So verschanzten sich selbst die materialistischen Aufklärer hinter dem Deismus und dachten nie, jedenfalls nicht öffentlich, konsequent zuende, was sie einmal angefangen hatten.

Man kann es den Leuten nicht verdenken, daß sie auf halbem Wege stehen blieben. Denn denen, die aufs Ganze gegangen waren, war es nicht gut bekommen. Die wenigen, die sich offen zum Materialismus und Atheismus bekannten, die Gott, die Schöpfung und das Leben nach dem Tod leugneten, lebten gefährlich. Es drohte ihnen nicht nur Spott und Hohn der gesamten respublica literaria, sondern auch Verfolgung, Verbannung, Gefängnis, unter Umständen sogar das Schafott. Und es war nicht zuletzt die Angst, die eigenen Werke im Posten der obszönen Literatur unter dem Ladentisch wiederzufinden, die die Akademiemitglieder, Enzyklopädisten und aufgeklärten Libertins dazu bewog, ganz besonders hart auf die paar konsequenten Denker einzuschlagen, und um so härter, je näher sie selbst ihnen standen.

Ein solcher Prügelknabe war Julien Offray de La Mettrie, der erste der Aufklärer, der so weit ging, zu behaupten, die Materie organisiere alles aus sich selbst heraus, Anorganisches wie Organisches, der Mensch sei nichts weiter als eine kompliziertere Maschine, es gebe keine Grenze zwischen tot und lebendig, keinen Gott, kein Leben nach dem Tod, keine natürliche Moral, und vor allem sei es Unsinn, wegen irgendwelcher Handlungen ein schlechtes Gewissen zu haben. Die Gelehrtenwelt war außer sich.

Alle lasen sie La Mettrie: Voltaire, Diderot, Maupertuis, Lessing, Goethe. Aber noch nicht einmal die Revolutionäre – Madame Roland, Marat und Robespierre – bekannten sich zu ihm. Die vor allem nicht. "Und wenn die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele nur ein Wahn wäre, so wäre sie doch die schönste aller Schöpfungen des menschlichen Geistes... Es handelt sich vielmehr darum, den Atheismus als eine nationale Erscheinung zu betrachten, die an eine systematische Verschwörung gegen die Republik gebunden ist", sagt Robespierre am 7. Mai 1794 vor dem Nationalkonvent. Da ist schon das Geschrei von Atheismus und Anarchie. Die konsequente Aufklärung ist staatsfeindlich, und in der Ecke, in die sie Robespierre gestellt hat, steht sie noch lange. Mehr konnte er gegen La Mettrie nicht tun, denn der war bereits vierzig Jahre tot, als die Guillotine zu arbeiten anfing.