Im internationalen Wissenschaftsbetrieb spielen deutsche Ökonomen kaum eine Rolle. Der amerikanische Professor für Volkswirtschaftslehre, George Bittlingmayer, der zur Zeit am Berliner Wissenschaftszentrum arbeitet, erklärt, was seine Kollegen falsch machen.

Ein Plädoyer gegen den theoretischen Muff

Stets war ich davon überzeugt, daß die deutsche Ausbildung die beste sei. Das ist keine Glaubenssache, ich habe selbst die Erfahrung gemacht. In den Vereinigten Staaten, wo ich als Deutschstämmiger aufwuchs, beherrschten die eingewanderten deutschen Maurer, Autoschlosser, Maler, Zimmerleute und Bäcker ihren Beruf besser als ihre einheimischen Konkurrenten. Meine deutschen Altersgenossen, die ich bei Besuchen in der alten Heimat kennenlernte, schienen auch besser ausgebildet zu sein als ich. Sie waren regelrecht vollgestopft mit Wissen über Geschichte, Kultur und Fremdsprachen. Wenn die deutschen Handwerker so viel können, die Gymnasiasten und Realschüler so viel wissen, müssen die deutschen Akademiker Halbgötter sein, dachte ich immer. Heidelberg war – in meinen Augen – ebenbürtig mit Harvard, wenn nicht besser.

Wissenschaft braucht Freiheit

Inzwischen bin ich promovierter Volkswirt und habe die Hälfte meines Lebens an Universitäten und Forschungsinstituten verbracht, davon die vergangenen zwei Jahre in der Bundesrepublik. Ähnlich gute Ergebnisse wie bei den deutschen Handwerkern und Gymnasiasten sind bei den deutschen Ökonomen in der Regel nicht zu verzeichnen. Es gibt einzelne Forscher, die viel leisten. Aber es ist in der Bundesrepublik nicht gelungen, ein Klima zu schaffen, um die reichlich vorhandenen Mittel sinnvoll auszunutzen und Spitzenleistungen aus den Reihen der Ökonomen hervorzurufen. Um Mißverständnisse zu vermeiden: Ich beschränke mich hier nur auf die forschungsorientierten Ökonomen. Die Volkswirte, die in der Privatwirtschaft Analysen und Prognosen erarbeiten, werden nicht schlechter sein als ihre Kollegen anderswo, denn sie arbeiten nicht unter wesentlich anderen Bedingungen.

Die mißliche Lage der deutschen Volkswirtschaftslehre besteht nicht nur in der Vorstellung eines besserwissenden Amerikaners. Die Econometric Society ist die internationale Gesellschaft für mathematisch orientierte Ökonomen, also für die Ökonomen, die zwischen sich die wenigsten Barrieren, auf Grund von Sprache und unterschiedlichen Wirtschaftssystemen haben. Mitglieder (Fellows) werden wegen ihrer Beiträge zur volkswirtschaftlichen Wissenschaft gewählt. Die Vereinigten Staaten haben 234 Fellows, England und Frankreich 33 und 24, Deutschland dagegen nur neun, einen Fellow mehr als das viel kleinere Belgien.

Deutsche Volkswirte verbringen gerne Zeit an ausländischen Universitäten, vor allem an amerikanischen und englischen. Das Bedürfnis, die Gelehrten an deutschen Universitäten zu besuchen, ist im Ausland hingegen gering. Mir scheint, daß die Entwicklung der deutschen Wirtschaftswissenschaften im Vergleich mit den Vereinigten Staaten unter drei Problemen leidet: dem starken Einfluß, den die Philosophie als Vorbild für die Sozialwissenschaften ausübt, der Unterwerfung junger Wissenschaftler unter eine verkalkte Hierarchie und den politisch-bürokratischen Hemmnissen.