Über Deutschland reden

Ist man fähig oder gar verpflichtet, Kindheitsbilder nachträglich zu bewerten oder darf man sich diesem allerreichsten Andrang einfach für immer überlassen? Ich habe das Gefühl, ich könne mit meine Erinnerung nicht nach Belieben umgehen. Es ist mir, zum Beispiel, nicht möglich, meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren.

Die Erinnerung reicht zurück in eine Zeit, von der ich inzwischen weiß, daß sie furchtbar gewesen ist. Jedes Parteigesicht, jede Militärerscheinung, jede Lehrperson und alle Gesichter aus der Nähe zeigen, daß sie aus jener Zeit stammen. Aber das Furchtbare selber zeigen sie nicht. Ein Sechs- bis Achtzehnjähriger, der Auschwitz nichtbemerkt hat. Kindheit und Jugend entfalten ihren unendlichen Hunger und Durst, und wenn Uniformen, Befehlshabergesichter und dergleichen angeboten werden, dann wird eben das verschlungen.

Der Ortsgruppenleiter erscheint mir als das, was er für mich schon damals gewesen ist: ein hilflos bayrisch-fränkisch quakender Mann in einer schreiend gelbbraunen Uniform, die nirgends hingehörte, nicht in die Gegend und nicht in die Jahreszeit. Er wirkte, als habe es ihn seinen ganzen Mut gekostet, mit dieser grotesken Uniform seine Beamtenwohnung zu verlassen und auf die Dorfstraße hinauszutreten. Jeder weitere Schritt muß weiteren Mut gekostet haben. Wenn er dann an seinem Versammlungsziel ankam, brachte er nur noch dieses verzagte Quaken heraus.

Das Licht, in dem mir die Erinnerung Gegenstände und Menschen von damals präsentiert, ist ein festhaltendes Licht, eine Art Genauigkeitselement. Man hat nicht gewußt, daß man sich das für immer so genau merken wird. Man hat vor allem nicht gewußt, daß man diesen Bildern nichts mehr hinzufügen können wird. Keinen Kommentar, keine Aufklärung, keine Bewertung.

Die Bilder sind jeder Unterrichtung unzugänglich. Alles was ich inzwischen erfahren habe, hat diese Bilder nicht verändert. Wenn ich die Bilder umkreise mit den Maßstäben von heute, kommt mir vor, die Bilder bedürften der Belehrung auch gar nicht.

Das erworbene Wissen über die mordende Diktatur ist eins, meine Erinnerung ist ein anderes. Allerdings nur so lange, als ich diese Erinnerung für mich behalte. Sobald ich jemanden daran teilhaben lassen möchte, merke ich, daß ich die Unschuld der Erinnerung nicht vermitteln kann. Ich habe nicht den Mut oder nicht die Fähigkeit, Arbeitsszenen aus Kohlenwaggons der Jahre 1940 bis 43 zu erzählen, weil sich hereindrängt, daß mit solchen Waggons auch Menschen in KZ’s transportiert worden sind. Ich müßte mich, um davon erzählen zu können, in ein antifaschistisches Kind verwandeln. Ich müßte also reden, wie man heute über diese Zeit redet. Also bliebe nichts übrig, als ein heute Redender. Einer mehr, der über damals redet, als sei er damals schon der Heutige gewesen. Ein peinliches Vorgehen. Für mich.

Vergangenheit von heute aus gesehen – kann es etwas Überflüssigeres geben? Etwas Irreführenderes sicher nicht. Irreführend, wenn damit Vergangenheit dargestellt werden soll. Die meisten Darstellungen der Vergangenheit sind deshalb Auskünfte über die Gegenwart. Die Vergangenheit liefert den Stoff, in dem einer heute sich human bewährt. Ich habe das vorweg sagen müssen, weil Deutschland für mich ein Wort aus jener Vergangenheit ist. Ich weiß über diese Vergangenheit soviel Nachträgliches wie jeder andere auch. Das Ausmaß unserer Verbrechen. Und wenn es schon schwer zu erklären ist, wie man jede Kindheitsszene von dem frei halten kann, was diese Kindheit direkt umgab, wie soll man erklären, daß man sogar ein Wort wie Deutschland noch retten möchte? Retten für weiteren Gebrauch.

Über Deutschland reden

Zuerst glaubt man natürlich, man könne über dieses Land reden, ohne von Deutschland reden zu müssen. Aber die Geschichte ist unerläßlich. Wenn sie gut gegangen wäre, wäre Deutschland sicher nicht zu einem solchen Tag- und Nachtthema geworden. Wenn die Geschichte gut gegangen wäre, würde ich heute abend in Leipzig ins Theater gehen und morgen wäre ich in Dresden, und daß ich dabei in Deutschland wäre, wäre das Unwichtigste.

Aber weil es fehlt, hält Thüringen mich besetzt mit Heiligen und Handwerkern, mit Spielzeug und Eßzeug, mit Köhlern und Wäldern, mit einer bis ins Erdinnere reichenden Gliederungsvielfalt. Wenn ich heute mit dem Zug an Magdeburg vorbeifahre, weiß ich vor Verlegenheit und Bedauern nicht, wo ich hinschauen soll. Und wenn mir Königsberg einfällt, gerate ich in einen Geschichtswirbel, der mich dreht und hinunterschlingt. Jedesmal komme ich wie der Fischer in Edgar Allan Poes Maelström-Geschichte noch weißhaariger zurück.

Daß man nicht einverstanden sein kann mit dem, was passiert ist, zehn. Das liegt am Jahrgang. Jüngere sind frei davon. Was ist ihnen Hekuba bzw. Königsberg. Aber auch jahrgangsnähere Zeitgenossen sind freier davon als ich. Das ist die Erfahrung, über die ich zu berichten habe. Das ist mein Problem. Ich werde vorerst noch nicht müde, es auszusprechen, in der Hoffnung, dadurch doch noch zu erfahren, daß es nicht nur mein Problem sei.

Wenn sich das Gespräch um Deutschland dreht, weiß man aus Erfahrung, daß es ungut verlaufen wird. Egal, ob ich mich allein in das Deutschland-Gespräch schicke, ins Selbstgespräch also, ob ich es schreibend oder diskutierend versuche – es verläuft jedesmal ungut: ich gerate in Streit mit mir und anderen. Das Ende ist Trostlosigkeit.

Sogar das Selbstgespräch über Deutschland ist peinlich, weil man ja nicht wirklich allein ist dabei, man reagiert auf Argumente, die einem die anderen aufgedrängt haben, die man, obwohl sie einem nicht genehm sind, nicht mehr los wird. Gerade beim Deutschland-Gespräch erlebt man, daß jeder recht hat. Gibt es etwas, was man über Deutschland sagen kann, was nicht auch noch zutrifft?

Bei mir kann diese Erfahrung auf gut und gern zehn Jahre zurückblicken. Auch mit alten Bekannten, Fastschonfreunden endet das Gespräch jedesmal in Frost, Abstand, Peinlichkeit. Allmählich wird mir klar, daß jeder bei diesem Gespräch eine andere Geschichte aufarbeitet. Seine eigene und oft noch seine ganze Familiengeschichte.

Nie böllern aus mir die Schlagwörter so unbremsbar heraus wie beim Deutschland-Gespräch. Aber beim Diskussionspartner doch auch. Aber wer hat angefangen? Und schon ist die Kriegsschulddebatte unser eigenster Text, aus Diskussionspartnern sind Gegner geworden und die Schlagwörter, die uns jetzt als Personen gar nicht mehr brauchen, donnern im peinlich engen und gänzlich deutschen Raum.

Über Deutschland reden

Vielleicht sollten wir einander so trösten: Wer beim Deutschland-Gespräch nicht unter sein Niveau gerät, hat keins.

Ich will ein paar dieser Wörter, die mich regelmäßig erbittern, ein paar Reizwörter also, hier aufsagen: Deutschland habe es sowieso nie gegeben. Von tausend Jahren nur die paar Jahrzehnte 1870 bis 1945. Und das seien in der ganzen Geschichte doch wahrhaft die schlimmsten gewesen. Mit gutem Grund habe Clemenceau die Friedensverhandlungen 1919 am 18. Januar eröffnet, also an dem Tag, an dem 48 Jahre vorher das sogenannte Deutsche Reich in Versailles gegründet worden sei. Also nie mehr Deutschland. Denn nie mehr dürfe von deutschem Boden...

Diese Phrase kennt jeder. Ohne jede Aussicht, die Drescher zu beeindrucken, zitiere ich den kanadischen Sozialdemokraten und Friedensforscher Hans Sinn (1986): "Heute befinden sich auf dem Gebiet der DDR und BRD mehr Massenvernichtungsmittel als irgendwo anders auf der Welt." Und das ist doch wohl zuerst eine Folge unserer Nicht-Souveränität in Ost und West. Eine Folge der Teilung. Schlimmer als diese zwei waffenstarrenden Deutschlandfragmente könnte ein vereintes Deutschland, in etwa österreichischer oder schweizerischer Weltzugewandtheit, nicht sein. Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt. Das ist keine Leistung, sondern Ergebnis eben jener 75 Jahre, jener zwei letzten Großkriege. Neuerdings wissen es sogar die Falken hier und dort.

Also komme keiner und sage: ein weniger geteiltes, ein ganzes Deutschland sei eine Gefahr für den Frieden. Das Paradeargument zur Rechtfertigung der Teilung – ich habe es gehört von Intellektuellen hüben und drüben –, daß es Deutschland nie gegeben habe, immer nur die hadersüchtigen Kleinstaaten, erklärt einfach die von feudalen Kabinetten verfaßte Staatenkarte zur deutschen, Geschichte schlechthin. Als die universalistische Reichsidee, die ja immerhin die deutsche Nation im Titel führte, ausgelitten hatte, wurde doch vom Volk sofort die reale, nämlich nationale Einigung versucht. Vaterländisch zu sein, war 1848 ein Verbrechen, es hieß soviel wie demokratisch sein, die nationale Einheit wollen. Die kommunistische Partei hat im Jahr 1848 formuliert: "Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt." Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.

Zwei Beweise dafür, daß es Deutschland gegeben hat, Beispiele aus dem historischen Alltag der Deutschen. Der Arzt Dr. Karl Christian Wolfart aus Berlin schrieb 1812 in einer von Heinrich Zschokke in der Schweiz herausgegebenen Zeitschrift über den aus der Bodenseegegend stammenden Arzt Franz Anton Mesmer, der dreißig Jahre vorher durch das nach ihm benannte Heilverfahren berühmt geworden war: "Die Ehre dieser großen Entdeckung gehört unstreitig Deutschland an, sowie es die Wiege ihres Urhebers war." Und ein Frankfurter Arzt schreibt, auch 1812, in einem Brief an Franz Anton Mesmer: "Ich kann nicht umhin, Ihnen meine Freude zu bezeugen über den Beweis, den Sie kürzlich von der großen Aufmerksamkeit der deutschen Ärzte und einer deutschen Regierung auf Ihre Lehre... erhalten haben." Der deutschen Ärzte und einer deutschen Regierung. Das ist sehr genau, also doch wohl zuverlässig.

Es hat Deutschland gegeben, trotz mehrerer deutscher Regierungen. Und so ist es heute wieder. Nur: damals wollte man, daß das sogenannte Vaterland eine politische Fassung erhalte; heute haben sich zumindest die Wortführer – und zwar die hellsten, die gescheitesten – abgefunden mit dem Strafprodukt Teilung. Dazu leben sie mit einer Auswahl aus der deutschen Geschichte, die ihrem aktuellen Bedürfnis dient.

An dieser Stelle des Deutschland-Gesprächs werde ich regelmäßig auf Österreich hingewiesen. Wolle ich denn Österreich auch wieder heimholen? Ich will nicht. Der gutgemeinten, aber doch simplen Selektion jetzt herrschender Geschichtsbilder darf man zur Entsimplifizierung mitteilen, daß sich die "Provisorische Nationalversammlung" in Wien am 12. November 1918 auf das durch Präsident Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker berief und einen Beschluß faßte, dessen Artikel 2 so ausging: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik."

Über Deutschland reden

Der Sozialdemokrat Karl Renner, der erste Regierungschef des demokratischen Österreich, hat damals kommentiert: "Der Artikel 2 ist ein Bekenntnis." Und am 21. März 1919 beschließt die Weimarer Nationalversammlung: "Deutschösterreich tritt als Ganzes als ein Gliedstaat dem Deutschen Reiche bei." Aber schon im September desselben Jahres ließ Clemenceau diesen Einigungsversuch verbieten. Österreich mußte sich und konnte sich verselbständigen.

Die allmähliche Verselbständigung Österreichs kann aber nicht mit einer Teilung verglichen werden. Teilung ist das Gegenteil von Entwicklung. Worauf in Wien zu bauen war, das kann sich in Ost-Berlin niemals bilden. Teilung ist Eingriff, Machtausübung, Strafaktion.

Daß ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, daß wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl, der Resozialisierung. Fühlen wir uns nicht resozialisiert? In Ost- und Westdeutschland kein Anzeichen irgendeiner Rückfallmöglichkeit.

Daß Deutschland je harmlos sein könne, wird mir nicht geglaubt. Ich wiederum bitte, mir keine Photos von einem Schlesiertag und Meldungen über zwei Wehrsportneurotiker vorzuhalten. Dabei kommt es mir schon sehr ungerecht vor, Schlesierschmerz und Neonazitum in einem Atemzug zu nennen.

Aber wenn mit solchen Argumenten deutsche Geschichtsentwicklungen verhindert werden dürften, müßte US-Amerika in eine geschlossene Anstalt eingeliefert werden, Diagnose: rassistisch-religiöser Autismus; ist aber nicht nötig, weil die Diagnose trotz aller Clan- und Fernsehpredigerpeinlichkeiten überhaupt nicht stimmt.

Also: Wenn die Rückfallgefahr ausgeschlossen ist – und wer das nicht sieht, der verneint schlicht unsere letzten 40 Jahre –, dann gibt es nur noch ein Motiv für die Fortsetzung der Teilung: das Interesse des Auslands. In östlichen und westlichen Ländern. Ein Interesse, das zwar alles entscheidet, das aber nicht mehr mit genaueren Namen benannt werden darf. Das gehört auch zu der simplen, aber uns beherrschenden Meinungsselektion.

Wir nicken zu gar allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden. Und das Ausland tut so, als wäre ein nicht mehr geteiltes Deutschland wieder eine Gefahr wie in der ersten Jahrhunderthälfte. In allen europäischen Ländern ist das in den letzten 30 Jahren oft genug so formuliert worden. Es ist das Interesse des Auslandes, unter diesem Vorwand die deutsche Teilung ungemildert zu erhalten.

Über Deutschland reden

Grotesk ist nur, daß im Inland, vor allem im westlichen Inland, dieser Vorwand inbrünstig nachgesprochen wird. Am meisten von Intellektuellen. Viele kommen sich fortschrittlich vor, wenn sie diese letzte Kriegsfrucht für vernünftig halten. Sie ziehen, je nach Fach, einschlägig behäkelte Trostdeckchen über den Trennungsspalt: Geschichtsnation; Kulturnation; Sportnation (durch Medaillenaddition während der olympischen Spiele). Dagens Nyheter stellte Erich Honecker 1986 folgende Frage: "Während der jetzt stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft haben wir gemerkt, daß man hier, seit die DDR nicht mehr an der Ausscheidung teilnimmt, für die BRD-Mannschaft die Daumen drückt. Tun Sie das auch, Herr Honecker, und sollen wir das als Zeichen deutscher Zusammengehörigkeit werten?" Honecker war so unfrei, so verklemmt, verbaut, verkorkst, daß er nur sagen konnte: "Das glaube Ich nicht. Wenn man ein richtiger Fußballanhänger ist, dann fiebert man für die beste Mannschaft. Ich möchte das nicht als eine politische Stellungnahme verstanden wissen", und so weiter.

Wahrscheinlich ist der Zwang, unter dem solche Slalom-Sätze entstehen, historisch schon überwunden. Moskau ist nicht mehr so imperialistisch, daß es seine eigensüchtige Internationalismusforderung noch mit unempfindlicher Macht vertreten könnte. Esten, Letten, Litauer und andere melden den nationalen Anspruch an.

Und die Deutschen basteln Slalom-Sätze! Warum schlagen wir nicht wenigstens unseren westlichen Freunden vor, sich eine Grenze wie die zwischen uns einmal am Ohio, an der Loire oder zwischen Rom und Florenz vorzustellen! Vielleicht könnte das einem Andreotti die Grenze an der Elbe vorstellbarer machen. Nur wenn die Gefahr bestünde, daß wir ins Hohenzollern- oder Hitlerdeutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig. Uns diese Gefahr nachzusagen, ist grotesk.

An dieser Stelle mache ich gern den Fehler, meinen Widersachern vorzuwerfen, sie verewigten den Faschismus dadurch, daß sie auf antifaschistischen Haltungen bestünden. Dann fliegt mir natürlich das Brechtzitat an den Kopf, daß der Schoß, aus dem das kroch, noch fruchtbar sei.

Ich: Das Bild sei genial, weil genau geschöpft aus den Verhältnissen der ersten Jahrhunderthälfte. Auch hier sei nur der erste ein Genie. Dann wird mir also die heutige Version serviert: "Die Deutschen sind alle Nazis." "... ganz gleich, wo wir Nudeln einkaufen, es sind immer nur Nazis." (In diesem Fall Bernhard, aber genau so laut und simpel gibt es das von Achternbusch u. a. Geradezu dankbar meldet man, daß einem sowas von Peter Handke nicht zugefügt wird; von Botho Strauß und Werner Herzog schon gar nicht.)

Wer diesem polit-masturbatorischen Modeton widerspricht, zieht sich die schlimmste Ahndung zu: der versteht keinen Spaß. Verstehen wir also Spaß, seien wir eben alle Nazis.

Nein. Der Kurswert ist zwar enorm, aber der Nennwert zu gering. Darüber müssen einmal Geschichtsschreiber sich wundern: Wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten. Wenn wir "alle" noch "Nazis" wären, mußten wir um die Fortsetzung der Teilung geradezu bitten!

Über Deutschland reden

Zum Glück hat es den Historiker-Streit gegeben. Vielleicht war da ein bißchen zuviel gutes Gewissen auf einer Seite. Trotzdem darf man sehr dankbar sein, daß Jürgen Habermas diesen Streit, wie Sontheimer formulierte, "losgetreten" hat.

Dieser Streit hat ein Angebot von Sichtweisen und Urteilsarten entfaltet. Statt der paar Parolen, die vorher kursierten, eine Vielfalt von Auffassungen. Da Historiker einander nicht einfach gelten lassen, wissen wir am Ende auch nichts Sicheres, aber unsere Unsicherheit besteht aus deutlicheren Positionen, die Widersprüche sind schärfer in uns vorhanden.

Ich habe dabei eine Erfahrung gemacht: je mehr sich einer als der einzig Wissende und vor allem als der einzig Gerechtfertigte aufführt, desto weniger kann ich mir seine Ansicht über unsere Geschichte zu eigen machen. Am meisten habe ich mich von Christian Meier an- und ausgesprochen gefühlt.

Aber keine dieser gegeneinander streitenden Ansichten war mir ganz fremd. Was da so polemisch gegeneinander wütete, ist mir als eigenes Innenleben bekannt. Habermas und Hillgruber haben meinungsmäßig bequem in mir Platz.

Um das Unmögliche meiner Einstellung noch deutlicher zu machen: mir scheint, die deutsche Frage sei nicht von "rechts" oder von "links" aufzufassen. Da sehe ich schon, wie ich in der nächsten Runde des Deutschland-Gesprächs von FAZ und konkret Wilhelm II. ins Ärmchen geschubst werde, weil der einmal nur noch Deutsche kennen wollte.

Ein Beispiel, wie die nationale Frage unter eher literarischen Intellektuellen gehandelt wird: In der FAZ (17.12.86) wurde ein Satz von F.X. Kroetz mitgeteilt: "Mir ist die DDR so fremd wie die Mongolei." Dazu Marcel Reich-Ranicki, der ja nicht gerade ein Genie der Zustimmung ist: "Das gefällt mir außerordentlich." Und noch einmal Kroetz: "Es ist schon eine weise Sache, daß wir zwei Deutschlands haben." Weil dadurch der "Weltfrieden" weniger in Gefahr sei. Also wieder die unbeweisbarste, abgegriffenste aller Formeln zur Rechtfertigung der Teilung. Reich-Ranicki: "... Respekt vor einem Mann, der sich der hierzulande jetzt üblichen nationalen, mitunter ins Nationalistische übergehenden Heuchelei mit einer solchen Erklärung widersetzt."

Ist das so? Ist "hierzulande" jetzt "üblich" eine "nationale, mitunter ins Nationalistische übergelende Heuchelei"? Soviel versteht man: wenn einem "die DDR so fremd" ist "wie die Mongolei", dann "gefällt" man Reich-Ranicki "außerordentlich".

Über Deutschland reden

Argumentiert muß da nicht werden, man gefällt oder gefällt nicht. Und das argumentlose persönliche Gefallen wird ausgestattet mit Zeitungsmacht. Ein solcher Satz als solcher sagt ja herzlich wenig. Aber in der FAZ macht er Stimmung zugunsten der deutschen Teilung. Daß ich mich, anders als Kroetz, mit der Teilung nicht abfinden will, erklärt der Kritiker damit, daß ich Bonner "Losungen" verfallen sei; "vierzig Jahre lang" seien mir die Alemannen und die Schwaben ungleich wichtiger" gewesen "als die ganze deutsche Frage"; ich bin also schlicht opportunistisch den neuesten Trends verfallen. Eigenartig ist das schon: an Stelle eines Arguments, die Unterstellung eines Motivs, eines möglichst schlimmen natürlich. Ist also mein Deutschland-Interesse eine Wirkung neuester Bonner "Losungen"? Da muß ich jetzt über ein Jahrzehnt zurückgreifen und aus einer Rede zitieren, die am 30.8.1977 in nächster FAZ-Nachbarschaft, in Bergen-Enkheim gehalten wurde und die seit 1978 gedruckt zu haben ist. Damals habe ich mich so zu fassen versucht: "Daß es diese zwei Länder gibt, ist das Produkt einer Katastrophe, deren Ursachen man kennen kann. Ich halte es für unerträglich, die deutsche Geschichte – so schlimm sie zuletzt verlief – in einem Katastrophenprodukt enden zu lassen Wenn jemand von 1955 bis 1975 das deutsche Problem nur als Konsument der sogenannten Medien wahrgenommen hat, dann wartet er heute, wenn er sich konservativ informiert hat, in einem gotischen Kyfhäuser-Gewölbe auf den ehernen Wiedervereinigungstag, oder er ist, wenn er sich liberaler orientiert hat, bereit, für immer als narkotisierter Pragmatiker um eine offene Wunde herumzutänzeln... Sie können neue Landkarten drucken, aber sie können mein Bewußtsein nicht neu herstellen. Ich weigere mich, an der Liquidierung von Geschichte teilzunehmen. In mir hat ein anderes Deutschland immer noch eine Chance. Die Welt müßte vor einem solchen Deutschland nicht mehr zusammenzucken. Und doch ist es im Augenblick reine Utopie... ist Wunschdenken. Der historische Prozeß richtet sich nach dem Bedürfnis. Ja, er entsteht sogar aus ihm. Also liegt es wirklich an uns. Allerdings an uns allen. Wir alle haben auf dem Rücken den Vaterlandsleichnam, den schönen, den schmutzigen, den sie zerschnitten haben, daß wir jetzt in zwei Abkürzungen leben sollen. In denen dürfen wir nicht leben wollen. Wir dürften, sage ich vor Kühnheit zitternd, die BRD so wenig anerkennen wie die DDR. Wir müssen die Wunde namens Deutschland offenhalten."

Ende des Redezitats aus dem Jahre 1977. Auch ein prominenter FAZ-Redakteur kann nicht alles, ja, er darf nicht alles wissen. Je weniger einer weiß, um so infallibler ist er. Und am infallibelsten ist immer der Papst. Interessant für mich war, daß mein Geständnis, ich könne mich nicht mit der Teilung abfinden, im Jahr 1986 von FAZ und von konkret mit gleichgestimmtem Hohn beantwortet wurde. Das drückt aus, wie abgemeldet, oder aktuell ausgedrückt, wie wenig angesagt das nationale Thema ist.

Zu den guten Gründen für diesen Zustand gehört der konservative Mißbrauch und das Adenauersche Wiedervereinigungsgedöns. Andererseits haben Brandt und Bahr zur Zeit des Grundlagenvertrags noch von der offenen deutschen Frage gesprochen, heute metaphert Brandt die deutsche Frage zur "Schizophrenie" herab, mit der wir der Welt nicht länger lästig fallen sollen, und Bahr empfiehlt uns "Verfassungspatriotismus". Das Wort riecht nach dem Abfindungslabor, aus dem es stammt.

Alles, was uns angeboten wird, riecht nach Ersatz. Und zum Realismus Schilys, der zur Vermeidung weiterer 17. Juni-Heucheleien die Verfassungspräambel, die uns Deutschland zur Pflicht macht, streichen will, fehlt mir der kühle Mut. Also lieber noch weiterheucheln?! Was ich denn vorschlagen könne?! Die Lösung, bitte?!

Es ist immer mehr möglich, als Fachleute auszurechnen imstande sind. Das konnte man schon vor Gorbatschow sagen. Zwei vernünftige Leute gleichzeitig im Amt, einer in Washington, einer in Moskau, und in Bonn und Ost-Berlin keine bloßen Verwalter, dann schrumpft die Trennung.

Seit Gorbatschow fällt es leichter, so etwas zu sagen. Seit er im Amt ist, ist die Welt weniger scharf geteilt. Ich will mich nicht als Kreml-Astrologe betätigen und die jeweils letzten Gorbatschowsätze nachkauen und deuten. Was auch immer er formulieren mag und muß –, der von ihm entfachte Wirbelwind Perestroika wird eines Tages auch die DDR erreichen, dann wird die politsche Sprache ihre pseudoreligiösen Blenden abwerfen und Deutsche werden einander wieder verstehen. Jetzt wird schon eine Zeit vorstellbar, in der man die Adenauer-Ulbricht-Feindseligkeit mit dem Kopfschütteln betrachten wird, mit dem wir längst die grotesken Zwiste zwischen Katholiken und Protestanten betrachten.

Hans Magnus Enzensberger hat das "Deutschland-Problem" schon im Jahr 66 im Kursbuch 4 als einen "Anachronismus" bezeichnet, es sei ein "besonders komplexer, lang verschleppter, überständiger Streitfall aus der Zeit des Kalten Krieges." Enzensberger hat damals so positiv und voller Geschichtsphantasie wie kein anderer Vorschläge gemacht, hat "die Respektierung der DDR" empfohlen, weil sie "eine zukünftige Einigung, vielleicht sogar Vereinigung" begünstige. Er will die beiden Deutschländer konföderieren, daraus einen "Deutschen Rat" entstehen lassen, in dem Delegierte des Bundestages und der Volkskammer zusammenarbeiten. In Artikel 61 seines "Katechismus zur deutschen Frage" fragt er sich, welche Rückwirkung seine Vorschläge auf die "gesellschaftlichen Ordnungen in Deutschland" haben könnten, und antwortet: "Sie verlören ihre Geschlossenheit; sie müßten voneinander lernen; sie könnten einander Versionen ihrer Zukunft anbieten."

Über Deutschland reden

Leider haben die zwei deutschen Staatsbahnen dieses Kursbuch nicht zur Kenntnis genommen. Und trotzdem ist das nicht umsonst geschrieben worden. Was einen an diesem Katechismus heute noch freuen kann: ein Intellektueller geht mit unserem Problem um, als sei es für ihn lebensnotwendig, das Problem zu lösen. Am Ende zeigt ein Satz, den man als eine Genauigkeitstrophäe bezeichnen kann, was einem passiert, wenn man sich der deutschen Frage aussetzt: "... das Notwendige scheint mit dem Unmöglichen identisch" zu sein. Erinnert das nicht an die mecklenburgische Standfestigkeit, mit der Uwe Johnson bis zuletzt darauf bestanden hat, daß er mit dem Wechsel von der DDR in die BRD nicht den Staat, sondern nur den Wohnort gewechselt habe!

Es hat sich aber seit Enzensbergers Katechismus und Uwe Johnhsons Behauptungsarbeit die Vereitelungspotenz des Kalten Krieges so sehr erschöpft, daß wir, nahezu unversehens, dem Frieden näher sind als je zuvor.

Vielleicht liegt eine Art Vernunft darin, daß der 1945 beendete Krieg bis jetzt ohne Friedensschluß geblieben ist. Auf einen Frieden à la Versailles oder Jalta kann man verzichten. Vielleicht wird diesmal der Frieden erst geschlossen, wenn die, die ihn schließen, wirklich friedfertig geworden sind. Und daß dann eine Teilung nicht mehr nötig ist, müssen sogar die zugeben, die sie bis jetzt als eine Voraussetzung für den Frieden ansehen, Jetzt kommt es darauf an, daß die Teilung in unserer Empfindung keine Zukunftswürdigkeit hat, Das wäre momentan schon genug "Lösung". Politik, Schule und Medien, die Wortführer also, haben, mit krass verschiedenen Motiven, viel getan, die Teilung vernünftig zu machen.

Linke Intellektuelle und rechte sind sich bei uns im Augenblick wahrscheinlich über wenig so einig wie darüber: die Teilung ist annehmbar. Der BRD-Erfolgsmensch will seine hart erarbeiteten Standards – auch die demokratischen – nicht auf jetziges Magdeburg zurückschrauben. Das versteht man.

Am meisten Angst habe ich im Deutschland-Gespräch immer vor der Frage: Was fehlt Ihnen denn? Weil der Mangel, den ich ausdrücken will, offenbar schwer verständlich zu machen ist, weiche ich aus auf das, was anderen fehlt. Ich zitiere, was ein Edward Vogelgesang, aus Polen in die BRD gekommen, in der FAZ schreibt (nicht im Literaturteil):

"Trotz des Aufgebens der deutschen Sprache hat meine Mutter, eine Frau mit starkem deutschen Bewußtsein, auch mir dieses Gefühl vermittelt. Doch sind wohl Spuren einer psychischen Spaltung geblieben. Die Deutschen, die aus irgendwelchen Gründen oder Zwängen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten blieben, haben einen hohen Preis dafür bezahlt; sie bezahlten mit dem Verlust ihrer Muttersprache und nicht selten (die Jüngeren) mit dem Verlust ihrer nationalen Identität."

Dann zieh’ ich gleich noch einen Brief heraus und zitiere, was meiner Nachbarin Ricarda aus Dresden geschrieben wird: "Nun seien Sie bloß nicht sauer, wenn ich doch etwas gemeckert habe, aber es geht einfach nicht mehr anders. Aber Ihnen das Leben hier verständlich zu machen, das gelingt sowieso nicht, der Unterschied ist zu riesengroß. Wenn ich damit nur erreicht habe, daß Sie glücklich und froh sind, daß Ihre Familien seinerzeit bei der Teilung Deutschlands auf der richtigen Seite gewohnt haben. Daß Sie mich nicht vergessen werden, das macht mich sehr froh..."

Über Deutschland reden

Damit will ich beweisen, es gebe noch Deutsche. Das muß man beweisen, weil einem im Deutschland-Gespräch auch Karthago und die Azteken vorgehalten werden. Und wenn ich behaupte, es gebe noch Deutsche, dann habe ich keinerlei Flaggenhissung und Hymnen im Sinn.

Ich weiß ja, wie wenig ernst der BRD-Erfolgsmensch seinen Paß nimmt. Er ist mindestens Europäer. Er muß allerdings damit rechnen, daß er in Paris vor allem Franzosen, in London Engländern und in Rom Italienern begegnen wird. Was ist er dann? Gerade im Ausland erfährt man doch, daß man ein Deutscher sei. Selbst Metternich hat sich (1813) im Gespräch mit Napoleon als Deutschen bezeichnet. Heute ist es jedesmal eine eher traurig als selig machende Erfahrung, wenn man im Ausland daran erinnert wird, daß man ein Deutscher sei. Aber wer wäre man, wenn man den deutschen Schatten, den man offenbar wirft, schick zupudert?

Es soll in den letzten dreißig Jahren öfter vorgekommen sein, daß Deutsche im Ausland durch entgegenkommend gemeintes, betont undeutsches Auftreten besonders unangenehm deutsch gewirkt haben.

Es gibt aber immer noch Deutsches, das man im Ausland als "German to the bone" bezeichnen würde und das so ehrenwert geblieben ist wie seine französische oder polnische oder italienische Entsprechung. Es gibt zum Beispiel, eine deutsche Sprache, eine literarische Tradition, die von 33 bis 45 nicht in Verruf gebracht wurde, und die nach 45 nicht im Internationalen aufging.

Ich möchte eine Leseerfahrung zitieren. Der Autor: Wulf Kirsten, geboren 1934, in Klipphausen, Kreis Meißen; er wohnt und arbeitet in Weimar. Neuerdings ist sein Gedichtband "Erde bei Meißen" sogar bei uns zu haben (Frankfurt 1987). Aus Kirstens Gedicht "die erde bei Meißen":

zur Elbe winden sich

grüngeschuppt die fiedrigen täler wie deichselraine.

Über Deutschland reden

Schrotmühlen, die wäldischen einsiedler, längs den schotterrunsen

im großväterhabitus, spielen in laubigen kühlen versteck

um die schieferzwiebeln geduckt die Ortschaften des sprengeis.

abseits am schlehenhack aufgedunsen die stänker: rübensilos.

hinter feldscheunen Strohhütten gefeimt. mit zottelmähnen holpern die feldwege hinaus in die runkelschläge.

Ein Wintergedicht geht so an:

maulfaul hocken die häuser

Über Deutschland reden

in zugeknöpften kapuzen

vor ihrem eignen schatten.

Ein Gedicht ("wenig gereist") geht so an:

flußtälerkühl kommen die abendgerüche

vors haus; von den hügellehnen fallen die Jahreszeiten wie herzliche grüße aus der Verwandtschaft, zuverlässigste Chronologie.

In dem Gedicht "werktätig" kommen diese Zeilen vor:

die haferkluppen forschein und flegeln,

Über Deutschland reden

einen Steinbock aufbänken und schlegeln,

ein heufuder bäumen, das vieh beschicken,

einen brüchigen Topf mit draht einstricken,

kraut schlagen, rüben blatten,

einen reifen aufziehn, einen zaun anlatten,

Und der letzte Zweizeiler dieses Gedichts:

eine leiter lehnen, haferstroh häckseln,

Über Deutschland reden

das zeitliche mit dem ewigen verwechseln.

Die Kirsten-Sprache ist schwer von Vergangenheit. Eine Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust. Jedem westlichen Leser muß bei jedem Kirsten-Gedicht kraß klar werden: Das ist nicht bei uns geschrieben worden. Der lebt ja nicht von Urteil, Idee, mediengerechter Apokalypse. Der lebt von Gegenständen, nächster Nähe. Der lebt wie barfuß. Der erlebt mit Händen und Füßen. Der weiß nichts, was er nicht erfahren hat. Das hat zur Folge: Die Sprache urteilt nicht. Sie schleppt Sachen heran. Gegen das Vergessen.

Unsere westlichen Schriftsteller- und Dichtersprachen sind, verglichen mit Kirsten, urteilssüchtig, aussagesüchtig. Über alles wird einfach befunden. Bei uns. Und es wird fast nichts als befunden. Genannt wird wenig. Bewahrt nichts.

Wenn ich Wulf Kirsten lese, empfinde ich, was wir in Westdeutschland verloren haben. Wir Schriftsteller, wir Leser. Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie? Ich meine: daß die Sätze bei uns deutlicher sagen, was sie sagen wollen als daß sie es sagen. Das ist, behaupte ich jetzt ein bißchen schnell, der Einfluß der Meinungsmacher auf die Literatur. Sie preisen und verwerten am liebsten das, was tut, was sie selber tun: urteilen, Meinung machen, \à la "Die Deutschen sind alle Nazis".

Mit einem Kirstensatz kann man ja nichts anfangen. Der Meinungsgehalt eines Kirstensatzes tendiert gegen Null. Meinung darf man wohl jenen Inhalt nennen, der im Satz eher durch den Willen des Schreibenden als durch Gegenständliches vertreten ist.

Ich habe den Eindruck, Wulf Kirsten habe als DDR-Bürger einen Geschichtssinn, der bei uns fehlt. Es geht nicht um Schuldzuweisung, sondern um Inventur. Verabschieden wir uns vom deutschen Dichter Kirsten mit ein paar Zeilen aus seinem Gedicht "über sieben raine":

und ein grobschlächtiger zughund

Über Deutschland reden

zerrt ohne gehabe

den erblindeten glorienschein der armut

zu markte.

über den Elbhöhen

wird der tag gekrönt...

Ich glaube, in der DDR sei uns etwas gespart. Man bräuchte die Mächtigkeit des Hölderlinschen Geschichtstons, um zu fassen, was jetzt gerade zwischen uns Deutschen passiert. Um wenigstens die Verlustempfindung zu wecken aus ihrem selbstvergessenen Schlaf. Daß wir uns getrennt doch ein bißchen weniger möglich vorkämen. Abhängiger vom anderen. Nicht so im Recht.

Was mit Kirsten hergerufen werden soll, ist gerade nicht die Abfindungsform Kulturnation, sondern das Empfinden, daß es unblamiertes Deutsches noch gibt. Vor der Literatur. Ihr zugrundeliegend. Sonst gäbe es keinen Wulf Kirsten. Das ist eine Empfindung. Sie wird hier zur Sprache gebracht als eine Art Einladung, es auch einmal in dieser Art zu versuchen. Empfindend. Die Kirstensprache empfindend. Es könnte ja sein, daß daraus eine Erfahrung wird; und wenn sich das unvermeidliche nächste Mal das Gespräch um Deutschland dreht, stellt sie sich vielleicht sogar ein.

Über Deutschland reden

Am besten verliefe ein Deutschland-Gespräch, wenn man dabei auskäme ohne Verneinung. Hat man denn, solange man einen anderen verneint, überhaupt etwas zu sagen? Es genügt doch zu sagen, was uns trägt: die Vergangenheit. Was denn sonst, bitte? Jeder Baum, den du siehst, bezieht sich auf einen früheren. Auch das Flüchtigste, das Wetter von heute, wäre nichts, wenn es nicht an frühere Wetter erinnerte. Und wieviel mehr ist das der Fall bei Häusern, Gedanken, Eisenbahnen, Träumen, Polizisten, Kopfbedeckungen, Landesgrenzen ... Manchmal bleibt von der aktuellen Daseinsempfindung fast nichts übrig vor lauter Vergangenheitsandrang. Ob Faser oder Gewebe, Wort oder Text – alles ist aus nichts als Geschichte.

Die Gegenwart ist nichts als der jeweils letzte Geschichtsmoment. Das Winzigste überhaupt. Zwar das, worauf es ankommt und worauf alles hinausläuft. Aber ohne die ganze Geschichte ist es wirklich nichts, beziehungsweise gar nichts. Jeder Apfel, den ich esse, hat einen Namen. Das mag man bedauern. Aber es ist so. Ich kenne mich im Bewußtsein von Eintagsfliegen nicht aus, nehme aber an, daß jede Regung eines solchen Wesens durch seine ganze Geschichte bestimmt wird. Was ist die Spitze des Eisbergs gegen die Spitze der Zeit!

Die Nation ist im Menschenmaß das mächtigste geschichtliche Vorkommen, bis jetzt. Mächtig im geologischen, nicht im politischen Sinn. Die Nation wird sich sicher auflösen irgendwann. Aber doch nicht durch eine Teilung. Doch nicht durch Jalta-Churchill-Roosevelt-Stalin. Einer solchen Fehlweisung folgt viel Aktuelles, aber nichts Entscheidendes.

So das zum Beweisen unkräftige, aber trotzdem unabweisbare Gefühl. Falls sowas überhaupt sein darf, ein Geschichtsgefühl. Man kann am Ende damit nicht viel mehr anfangen, als zu bezeugen, daß es existiere. Aber das kann man. Ein Gefühl ist auch nicht vorschreibbar. Man hat es oder hat es nicht. Aber wenn man es hat, kann man ja zugeben, daß man es hat: das Geschichtsgefühl. Ich will es hiermit zugegeben haben.

Wenn alle anderen ein kraß anderes Geschichtsgefühl hätten, müßte man sich einigermaßen verloren vorkommen. Die Mehrheit der Wortführer, links und rechts, arbeitet mit an der Vernünftigmachung der Teilung. Die Grundgesetz–Präambel und anderes Institutionelles ist keine sehr belebende Gesellschaft für ein Geschichtsgefühl. Und die Leute werden nicht gefragt.

Das Volk! Populist wird man geschimpft, wenn man meint, die Deutschland-Frage könne nur vom Volk beantwortet werden. Eine Abstimmung in der DDR, eine bei uns. International überwacht. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker praktiziert. So einfach wäre das. Und genau so unmöglich, undenkbar.

Wir leben noch in einer Zeit, in der nur von oben nach unten gesprochen wird. Von unten nach oben gibt es die Volksstimme nur demoskopisch verfremdet. Man möchte, geleitet von diesem Geschichtsgefühl, sagen, die Deutschen würden, wenn sie könnten, in ihren beiden Staaten für einen Weg zur Einheit stimmen. Nach allem, was wir vom Ausland bis jetzt hören, genügt eine solche Wahrscheinlichkeit, diese Abstimmung zu verhindern.

Über Deutschland reden

Also liegt alles an den Regierungen. Und damit im argen. Es sei denn, die beiden Bevölkerungen ließen sich diesen Pragmatismus nicht ewig gefallen. Es gibt also nicht die geringste konkrete Aussicht auf einen Anfang der Überwindung der Teilung.

Deutschland bleibt also ein Wort, brauchbar für den Wetterbericht. Ich wundere mich selber darüber, daß diese konkrete Aussichtslosigkeit bei mir nicht umschlägt in Hoffnungslosigkeit. Vielleicht kommt das von diesem Geschichtsgefühl.

Aus der vom Bertelsmann Verlag, von den Münchner Kammerspielen und von der Stadt München veranstalteten Reihe "Reden über das eigene Land: Deutschland", deren Texte bei Bertelsmann als Buch erscheinen werden.