Vielleicht sollten wir einander so trösten: Wer beim Deutschland-Gespräch nicht unter sein Niveau gerät, hat keins.

Ich will ein paar dieser Wörter, die mich regelmäßig erbittern, ein paar Reizwörter also, hier aufsagen: Deutschland habe es sowieso nie gegeben. Von tausend Jahren nur die paar Jahrzehnte 1870 bis 1945. Und das seien in der ganzen Geschichte doch wahrhaft die schlimmsten gewesen. Mit gutem Grund habe Clemenceau die Friedensverhandlungen 1919 am 18. Januar eröffnet, also an dem Tag, an dem 48 Jahre vorher das sogenannte Deutsche Reich in Versailles gegründet worden sei. Also nie mehr Deutschland. Denn nie mehr dürfe von deutschem Boden...

Diese Phrase kennt jeder. Ohne jede Aussicht, die Drescher zu beeindrucken, zitiere ich den kanadischen Sozialdemokraten und Friedensforscher Hans Sinn (1986): "Heute befinden sich auf dem Gebiet der DDR und BRD mehr Massenvernichtungsmittel als irgendwo anders auf der Welt." Und das ist doch wohl zuerst eine Folge unserer Nicht-Souveränität in Ost und West. Eine Folge der Teilung. Schlimmer als diese zwei waffenstarrenden Deutschlandfragmente könnte ein vereintes Deutschland, in etwa österreichischer oder schweizerischer Weltzugewandtheit, nicht sein. Und Kriege finden in Europa sowieso nicht mehr statt. Das ist keine Leistung, sondern Ergebnis eben jener 75 Jahre, jener zwei letzten Großkriege. Neuerdings wissen es sogar die Falken hier und dort.

Also komme keiner und sage: ein weniger geteiltes, ein ganzes Deutschland sei eine Gefahr für den Frieden. Das Paradeargument zur Rechtfertigung der Teilung – ich habe es gehört von Intellektuellen hüben und drüben –, daß es Deutschland nie gegeben habe, immer nur die hadersüchtigen Kleinstaaten, erklärt einfach die von feudalen Kabinetten verfaßte Staatenkarte zur deutschen, Geschichte schlechthin. Als die universalistische Reichsidee, die ja immerhin die deutsche Nation im Titel führte, ausgelitten hatte, wurde doch vom Volk sofort die reale, nämlich nationale Einigung versucht. Vaterländisch zu sein, war 1848 ein Verbrechen, es hieß soviel wie demokratisch sein, die nationale Einheit wollen. Die kommunistische Partei hat im Jahr 1848 formuliert: "Ganz Deutschland wird zu einer einigen, unteilbaren Republik erklärt." Was 1871 gegründet wurde, war ja nicht das, was 1848 gewollt worden war.

Zwei Beweise dafür, daß es Deutschland gegeben hat, Beispiele aus dem historischen Alltag der Deutschen. Der Arzt Dr. Karl Christian Wolfart aus Berlin schrieb 1812 in einer von Heinrich Zschokke in der Schweiz herausgegebenen Zeitschrift über den aus der Bodenseegegend stammenden Arzt Franz Anton Mesmer, der dreißig Jahre vorher durch das nach ihm benannte Heilverfahren berühmt geworden war: "Die Ehre dieser großen Entdeckung gehört unstreitig Deutschland an, sowie es die Wiege ihres Urhebers war." Und ein Frankfurter Arzt schreibt, auch 1812, in einem Brief an Franz Anton Mesmer: "Ich kann nicht umhin, Ihnen meine Freude zu bezeugen über den Beweis, den Sie kürzlich von der großen Aufmerksamkeit der deutschen Ärzte und einer deutschen Regierung auf Ihre Lehre... erhalten haben." Der deutschen Ärzte und einer deutschen Regierung. Das ist sehr genau, also doch wohl zuverlässig.

Es hat Deutschland gegeben, trotz mehrerer deutscher Regierungen. Und so ist es heute wieder. Nur: damals wollte man, daß das sogenannte Vaterland eine politische Fassung erhalte; heute haben sich zumindest die Wortführer – und zwar die hellsten, die gescheitesten – abgefunden mit dem Strafprodukt Teilung. Dazu leben sie mit einer Auswahl aus der deutschen Geschichte, die ihrem aktuellen Bedürfnis dient.

An dieser Stelle des Deutschland-Gesprächs werde ich regelmäßig auf Österreich hingewiesen. Wolle ich denn Österreich auch wieder heimholen? Ich will nicht. Der gutgemeinten, aber doch simplen Selektion jetzt herrschender Geschichtsbilder darf man zur Entsimplifizierung mitteilen, daß sich die "Provisorische Nationalversammlung" in Wien am 12. November 1918 auf das durch Präsident Wilson proklamierte Selbstbestimmungsrecht der Völker berief und einen Beschluß faßte, dessen Artikel 2 so ausging: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der deutschen Republik."