Der Sozialdemokrat Karl Renner, der erste Regierungschef des demokratischen Österreich, hat damals kommentiert: "Der Artikel 2 ist ein Bekenntnis." Und am 21. März 1919 beschließt die Weimarer Nationalversammlung: "Deutschösterreich tritt als Ganzes als ein Gliedstaat dem Deutschen Reiche bei." Aber schon im September desselben Jahres ließ Clemenceau diesen Einigungsversuch verbieten. Österreich mußte sich und konnte sich verselbständigen.

Die allmähliche Verselbständigung Österreichs kann aber nicht mit einer Teilung verglichen werden. Teilung ist das Gegenteil von Entwicklung. Worauf in Wien zu bauen war, das kann sich in Ost-Berlin niemals bilden. Teilung ist Eingriff, Machtausübung, Strafaktion.

Daß ich Jalta, Teheran und die Folgen Strafaktion nenne, ruft Stirnrunzeln hervor. Ich beeile mich zu sagen, daß wir die verdient hatten. Aber doch nicht für immer. Strafe dient nicht der Sühne, sondern doch wohl, der Resozialisierung. Fühlen wir uns nicht resozialisiert? In Ost- und Westdeutschland kein Anzeichen irgendeiner Rückfallmöglichkeit.

Daß Deutschland je harmlos sein könne, wird mir nicht geglaubt. Ich wiederum bitte, mir keine Photos von einem Schlesiertag und Meldungen über zwei Wehrsportneurotiker vorzuhalten. Dabei kommt es mir schon sehr ungerecht vor, Schlesierschmerz und Neonazitum in einem Atemzug zu nennen.

Aber wenn mit solchen Argumenten deutsche Geschichtsentwicklungen verhindert werden dürften, müßte US-Amerika in eine geschlossene Anstalt eingeliefert werden, Diagnose: rassistisch-religiöser Autismus; ist aber nicht nötig, weil die Diagnose trotz aller Clan- und Fernsehpredigerpeinlichkeiten überhaupt nicht stimmt.

Also: Wenn die Rückfallgefahr ausgeschlossen ist – und wer das nicht sieht, der verneint schlicht unsere letzten 40 Jahre –, dann gibt es nur noch ein Motiv für die Fortsetzung der Teilung: das Interesse des Auslands. In östlichen und westlichen Ländern. Ein Interesse, das zwar alles entscheidet, das aber nicht mehr mit genaueren Namen benannt werden darf. Das gehört auch zu der simplen, aber uns beherrschenden Meinungsselektion.

Wir nicken zu gar allem vor lauter Angst, sonst für Nazis gehalten zu werden. Und das Ausland tut so, als wäre ein nicht mehr geteiltes Deutschland wieder eine Gefahr wie in der ersten Jahrhunderthälfte. In allen europäischen Ländern ist das in den letzten 30 Jahren oft genug so formuliert worden. Es ist das Interesse des Auslandes, unter diesem Vorwand die deutsche Teilung ungemildert zu erhalten.