Grotesk ist nur, daß im Inland, vor allem im westlichen Inland, dieser Vorwand inbrünstig nachgesprochen wird. Am meisten von Intellektuellen. Viele kommen sich fortschrittlich vor, wenn sie diese letzte Kriegsfrucht für vernünftig halten. Sie ziehen, je nach Fach, einschlägig behäkelte Trostdeckchen über den Trennungsspalt: Geschichtsnation; Kulturnation; Sportnation (durch Medaillenaddition während der olympischen Spiele). Dagens Nyheter stellte Erich Honecker 1986 folgende Frage: "Während der jetzt stattfindenden Fußball-Weltmeisterschaft haben wir gemerkt, daß man hier, seit die DDR nicht mehr an der Ausscheidung teilnimmt, für die BRD-Mannschaft die Daumen drückt. Tun Sie das auch, Herr Honecker, und sollen wir das als Zeichen deutscher Zusammengehörigkeit werten?" Honecker war so unfrei, so verklemmt, verbaut, verkorkst, daß er nur sagen konnte: "Das glaube Ich nicht. Wenn man ein richtiger Fußballanhänger ist, dann fiebert man für die beste Mannschaft. Ich möchte das nicht als eine politische Stellungnahme verstanden wissen", und so weiter.

Wahrscheinlich ist der Zwang, unter dem solche Slalom-Sätze entstehen, historisch schon überwunden. Moskau ist nicht mehr so imperialistisch, daß es seine eigensüchtige Internationalismusforderung noch mit unempfindlicher Macht vertreten könnte. Esten, Letten, Litauer und andere melden den nationalen Anspruch an.

Und die Deutschen basteln Slalom-Sätze! Warum schlagen wir nicht wenigstens unseren westlichen Freunden vor, sich eine Grenze wie die zwischen uns einmal am Ohio, an der Loire oder zwischen Rom und Florenz vorzustellen! Vielleicht könnte das einem Andreotti die Grenze an der Elbe vorstellbarer machen. Nur wenn die Gefahr bestünde, daß wir ins Hohenzollern- oder Hitlerdeutsche zurückfielen, wäre die Teilung gerechtfertigt, ja geradezu notwendig. Uns diese Gefahr nachzusagen, ist grotesk.

An dieser Stelle mache ich gern den Fehler, meinen Widersachern vorzuwerfen, sie verewigten den Faschismus dadurch, daß sie auf antifaschistischen Haltungen bestünden. Dann fliegt mir natürlich das Brechtzitat an den Kopf, daß der Schoß, aus dem das kroch, noch fruchtbar sei.

Ich: Das Bild sei genial, weil genau geschöpft aus den Verhältnissen der ersten Jahrhunderthälfte. Auch hier sei nur der erste ein Genie. Dann wird mir also die heutige Version serviert: "Die Deutschen sind alle Nazis." "... ganz gleich, wo wir Nudeln einkaufen, es sind immer nur Nazis." (In diesem Fall Bernhard, aber genau so laut und simpel gibt es das von Achternbusch u. a. Geradezu dankbar meldet man, daß einem sowas von Peter Handke nicht zugefügt wird; von Botho Strauß und Werner Herzog schon gar nicht.)

Wer diesem polit-masturbatorischen Modeton widerspricht, zieht sich die schlimmste Ahndung zu: der versteht keinen Spaß. Verstehen wir also Spaß, seien wir eben alle Nazis.

Nein. Der Kurswert ist zwar enorm, aber der Nennwert zu gering. Darüber müssen einmal Geschichtsschreiber sich wundern: Wie viele bedeutende Leute Jahrzehnte nach der Erledigung des Faschismus ihren Zorn und ihr gutes Gewissen lebenslänglich durch antifaschistische Regungen belebten. Wenn wir "alle" noch "Nazis" wären, mußten wir um die Fortsetzung der Teilung geradezu bitten!