Die Zeit soll innehalten, damit nicht geschehen muß, was schon begonnen hat. Die Küchenuhr bleibt um halb elf stehen: Zwischen "fünf nach elf" und "acht nach eins" versuchen sieben Menschen in der Küche eines Tiroler Gasthauses die Zeit zu bannen, denn "jetzt kommen sie und holen Jakob". Es ist der Moment des Erschreckens, der Endpunkt einer langsamen Entwicklungen der alle sieben teilgenommen haben.

Jakob, der dritte Sohn einer Gastwirtsfamilie in einem tirolischen Touristenort, ist verrückt geworden; die anderen lassen ihn abholen. Plötzlich wollen sie diesen Augenblick der Trennung hinauszögern, sie tun es erzählend. Die Mutter, die beiden Brüder, Viz und Valentin, die Gritschin und der Novak sammeln noch einmal ihre Erinnerungen und setzen in der brüchigen Chronologie ihrer Stubenberichte das Mosaik von Jakobs Lebens zusammen.

Die Erzählung ist das schriftstellerische Debüt von Norbert Gstrein, der 1961 in Mils in Tirol geboren wurde, in Innsbruck lebt und gegenwärtig mit einem Stipendium im Berliner Literarischen Colloquium an seinem nächsten Manuskript arbeitet. Die Geschichte mit dem lapidaren Titel "Einer" bannt durch den Reiz einer schlichten, aber umso präziseren Sprache: "Jetzt ist das Ächzen der Feder zu hören, von der die Haustür ins Schloß gezogen wird, ein leichter Schlag, der es beendet .. und das Knarren der Holzdielen ... verrät, wie sie sich nähern, Stubentürknarren, Speisesaalknarren, Stiegenhaus- und Toilettengestöhn."

Die Geräusche im vertrauten Haus bedeuten das Fremde, das naht: das Fremde, das sind der Inspektor und sein Gehilfe, die Abholer, das sind die Zeugen für Jakobs Verwirrung, die sich in der Küche sammeln. Ein letztes Mal lauscht der Leser dem Hausgestöhn in umgekehrter Reihenfolge, als Jakob abgeführt wird.

Die Stimmen der Berichterstatter in der Küche kreuzen und ergänzen sich, obwohl nacheinander geordnet, setzen die Mutmaßungen in der eigentümlichen Gleichzeitigkeit vor den stehengebliebenen Zeigern der Küchenuhr ein mögliches Porträt von Jakob zusammen. Immer wieder entwerfen sie konjunktivisch und in "oder"-Ketten ihren Bericht als eine Erzählens-Möglichkeit. Sie wollen lieber nichts verbindlich sagen; mit einem "vielleicht, man durfte nichts wörtlich nehmen", ziehen sie sich sofort aus der Aussage zurück, als der Inspektor nachfragt. Der Bruder artikuliert die Sprachlosigkeit der Dörfler, mit der sie sich auch jeder Verantwortung entziehen: "Er habe nicht mit ihm gesprochen, kein Wort, lange schon keines mehr, und im Grunde noch nie eines, mit keinem oder wer führe Gespräche im Dorf, wer gebrauche die Sprache anders als allein für die alltäglichsten Notwendigkeiten?"

Der Außenseiter Jakob fällt von Anfang an auf durch sein Verhältnis zur Sprache. Weil er als Kind viel liest, schicken sie ihn in ein Gymnasium in der Stadt. Dort, im Internat, "bemüht er sich nicht, die Sprache der anderen zu sprechen, die Sprache der Städter, die auf ihn wirkt wie bloßes Getue"; er vereinzelt völlig, die Kameraden quälen ihn.Jakob flieht zurück ins Dorf und beschließt, dessen Grenzen nie mehr zu verlassen. Im Moment der Selbstverteidigung wird seine Sprache unerschütterlich und klar: Die Mutter "wußte augenblicklich, daß es ihm ernst war mit seinen Worten". Jakob hört von diesem Tag an auf zu lesen und für lange Zeit auch zu sprechen.