Manfred Messerschmidt, seit 18 Jahren Leitender Historiker des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes der Bundeswehr in Freiburg, gilt im Ausland als einer der profiliertesten deutschen Vertreter seines Faches. Insbesondere in England und in den USA wird er als penibler Erforscher der Quellen geschätzt. Jemand, der nicht in den Verdacht gerät, eine Art Partisan der alten Wehrmacht zu sein – gerade im Ausland ein wichtiges Kriterium bei der Einschätzung von deutschen Militärhistorikern. Anders in der Bundesrepublik: Durch seine kritische Distanz, insbesondere zur Geschichte der Streitkräfte im NS-Staat, hat sich Messerschmidt bei der Bundeswehr, seinem Arbeitgeber, viele Feinde gemacht. Seit Jahren betreiben Traditionsverbände beim Verteidigungsministerium seine Ablösung als Leitender Historiker des Freiburger Forschungsamtes. Und das Verteidigungsministerium bemüht sich nach Kräften darum, den unbotmäßigen Forscher und einige seiner gleichfalls unbotmäßigen Mitarbeiter an die Kandare zu nehmen.

Manfred Messerschmidt hat ein ums andere Mal den Pressionen widerstanden, ist nicht zurückgewichen. Nun läßt er sich, 62jährig und damit drei Jahre vor Erreichen der Altersgrenze, pensionieren. Freiwillig?

In der vergangenen Woche bei der Verabschiedung, einer Demonstration seiner Wertschätzung durch die Kollegen des Amtes, gab sich Messerschmidt versöhnlich: Er scheide aus, um mehr Zeit für die wissenschaftliche Arbeit zu haben. Er gehe ohne Blick zurück im Zorn.

Und die Querelen der letzten Jahre? Überwunden, vergessen? Die rüden Attacken der Traditionsverbände? Der Streit um den von konservativen Historikern dominierten Beirat, den das Verteidigungsministerium dem Amt "zur Unterstützung der wissenschaftlichen Arbeit" 1985 verordnete? Die Auseinandersetzung um die Biographie des sozialdemokratischen Reichswehrministers Gustav Noske, deren Veröffentlichung eben jener Beirat kurz nach seiner Gründung zu verhindern trachtete? Die Anfeindungen gegen sein jüngstes Buch über die Wehrmachtsjustiz, in dem er mit der sorgsam gepflegten Idylle von der nur am Recht orientierten, jedem äußeren Druck widerstehenden Rechtsprechung radikal aufgeräumt hat? Und schließlich die Empörung, die Messerschmidt entgegenschlug, als er Anfang dieses Jahres als Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Kriegsvergangenheit Kurt Waldheims vom "moralischen Mitverschulden" des österreichischen Präsidenten sprach und dessen Rücktritt forderte? Das alles soll bei der Frühpensionierung des Leitenden Historikers keine Rolle gespielt haben?

Die Antwort liegt auf der Hand: Der permanente Streit, der Druck, hat natürlich eine Rolle gespielt und Messerschmidt räumt es auf Befragen ein, wenngleich zögerlich, um keine neuen Gräben aufzureißen.

Gewiß ist es auch kein Zufall, daß die Diskussion um seine Ablösung gerade im Frühjahr wieder anhob. Messerschmidt hatte sich in der Waldheim-Kommission stark engagiert. Er machte keinen Hehl aus seiner Verachtung für des Präsidenten Hang zur Vergeßlichkeit. Den Journalisten gegenüber ungewöhnlich kooperativ, war er auf allen Bildschirmen, in allen Gazetten präsent. So wuchs Messerschmidt in den Medien schnell vom einfachen Kommissionsmitglied zum angriffslustigen Waldheim-Jäger heran: ein Image, das ihn immer stärker störte. Seine Kontrahenten jedenfalls reagierten darauf, indem sie ihm das Etikett "Sozialist" anhefteten und dies, als Denunziation gemeint, nach Wien soufflierten. So durchsichtig das Manöver sein mochte, in Wien griff man in jenen Tagen nach jedem Strohhalm. Ein Nebenkriegsschauplatz war eröffnet; eine vorzügliche Personaldebatte: Ist er nun Sozialist, oder ist er’s nicht?

Die Wiener Schlammschlacht hat Messerschmidt geschmerzt; seine Gegner waren am Ende neu munitioniert. Aber als noch zermürbender empfand er den Dauerzwist mit dem Wissenschaftlichen Beirat seiner Forschungsstelle. Ein Beirat, der nach Einschätzung von Historikern der benachbarten Freiburger Universität nur gegründet wurde, um Messerschmidt und seine Mitarbeiter zu beaufsichtigen. Jede Veröffentlichung des Amtes muß dem aus Bonn oktroyierten Gremium vorgelegt werden. Falls der Beirat das Manuskript nicht – wie im Fall der Noske-Biographie – zurückweist, legt er immerhin eine Liste mit Änderungsvorschlägen vor. Welche endlosen Verhandlungen eine derartige Wunschliste auslösen kann, läßt schon ein Blick auf die Zusammensetzung der Kommission ahnen: Sie ist stramm rechtsorientiert; die Mehrheit ihrer Mitglieder bezieht im "Historikerkstreit" eindeutig Position und betreibt die Relativierung der NS-Verbrechen durch die Behauptung ihrer Vergleichbarkeit mit anderen Untaten. Eine Position, die Messerschmidt indiskutabel erscheint. Seit 1969, seit seiner wegweisenden Studie "Die Wehrmacht im NS-Staat", prangert er die Verbrechen des Nazi-Regimes an. Wie wenig erfreulich die Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsgremium unter diesen Umständen verlaufen sein dürfte, kann sogar ermessen, wer bei den Sitzungen niemals Mäuschen spielen durfte.