Stippvisite in Chicago. Gedrückte Stimmung. Wahlen? Alles redet von den bevorstehenden Bürgermeisterwahlen. Kommt das Gespräch auf die Präsidentenwahlen, macht sich Betretenheit breit. Keiner in dieser fest in der Hand der Demokraten liegenden Sieben-Millionen-Stadt gibt auch nur einen Pfifferling für Michael Dukakis.

"Die amerikanische Nation kann den Müll riechen", ruft der demokratische Kandidat, verzweifelt über die Schmutzkampagne der Bush-Leute, den Chicagoern zu. Denen steigt der Gestank schon in die Nase, wenn sie ihre Briefkästen leeren.

Da flatterte ihnen jüngst ein Pamphlet des Illinois Republican State Central Committee entgegen. Darin stand in fetten Lettern:

"All die Mörder und Vergewaltiger und Drogen-Pusher und Kindesverführer in Massachusetts geben ihre Stimme Michael Dukakis. Wir in Illinois können gegen ihn stimmen."

Der Satz bezog sich auf eine Figur, die in dem langen amerikanischen Wahlkampf unverhofft in die Mitte rückte: den Schwarzen Willie Horton, einen Mörder, der seine Strafe in dem von Dukakis regierten Staat Massachusetts absaß und als Wochenend-Freigänger in Maryland eine Frau vergewaltigte. Allenthalben mußte er den Republikanern als Schreckgespenst herhalten.

Dukakis wehrte sich nicht. Er hätte auf das Urlaubsprogramm für einsitzende Verbrecher verweisen können, das Ronald Reagan als Gouverneur von Kalifornien einführte – zwei der Urlauber begingen damals einen Mord. Oder er hätte daran erinnern können, daß sein Rivale George Bush in Texas eine halboffene Vollzugsanstalt förderte – ein Insasse vergewaltigte und ermordete eine Pastorenfrau.

Aber Dukakis ist einer, der einsteckt, nicht austeilt. Er litt still in sich hinein – wie er ja auch nie aufbrauste, als ihm Bush das Schild "Achtung, Liberaler!" umhing wie eine Tollwut-Warnung.