Der größte Börsenkrach seit 1929 ist gerade ein Jahr vorüber, und schon wieder spielen sie an der Wall Street verrückt:

Allein in den beiden letzten Wochen im Oktober boten Geldanleger 35 Milliarden Dollar (rund 63 Milliarden Mark) für Unternehmen, die sie kaufen wollen. Insgesamt liegen in den Chefetagen amerikanischer Firmen Übernahmeangebote zu reichlich fünfzig Milliarden Dollar auf den Schreibtischen.

Die spektakulärsten Fälle im Oktober: Der Zigarettenkonzern Philip Morris (Marlboro) zahlt den Aktionären des Lebensmittelherstellers Kraft 13,5 Milliarden Dollar für ihr Unternehmen. Noch nie ist für eine Firma mehr hingelegt worden. Doch dieser Weltrekord wird nicht lange halten, denn das Management des Mischkonzerns Nabisco will den eigenen Arbeitgeber für 17,6 Milliarden Dollar kaufen. Nur fünf Tage konnten sich die leitenden Leute von Nabisco im Ruhm sonnen, das Höchstangebot aller Zeiten abgegeben zu haben, denn dann bot die Investmentfirma Kohlberg Kravis Roberts & Co. 20,6 Milliarden Dollar für Nabisco. Die New Yorker Spekulanten wollen für diese unglaubliche Summe, die beinahe dem Börsenwert von Siemens, Nixdorf und VW zusammen entspricht, nicht einmal den ganzen Konzern, sie bescheiden sich mit 83 Prozent der Aktien.

Daß außerdem noch der britische Schnapsbrenner Grand Metropolitan 5,12 Milliarden Dollar für die amerikanische Pillsburry-Gruppe (Burger King) bietet, daß Tyson Food (Hühnchen) für 120 Millionen Dollar Holly Farms (Hühnchen) in einem kannibalischen Akt schlucken möchte, daß Nortek unbedingt Federal-Mogul übernehmen will und daß Polaroid sich gegen eine 2,4-Milliarden-Dollar-Offerte der Shamrock Holding wehrt, findet kaum noch Beachtung. Wer nach dem Motto the sky is the limit mit Dollars jongliert und spekuliert wird, fehlt einstelligen Milliardenbeträgen offenbar der rechte Unterhaltungswert.

Merger mania, der Kaufrausch, hat Amerikas Wirtschaft (wieder) gepackt. In diesem Jahr sind in den USA schon mehr als 4800 Unternehmen gekauft worden, die Investoren haben dafür 366 Milliarden Dollar gezahlt, 120 Milliarden mehr als für alle Firmenübernahmen des ganzen vergangenen Jahres. Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Das Finanzblatt Barron’s schätzt, daß Investmentfirmen und liquide Einzelspekulanten noch 250 Milliarden Dollar finanzieren können, um Firmen aufzukaufen. Doch auch in Amerika wachsen die Zweifel am wirtschaftlichen und sozialen Wert dieser Casino-Ökonomie. Für den Management-Professor Peter F. Drucker "gibt es absolut keinen Zweifel, daß sie (die Firmenübernahmen, d. Red.) überaus schlecht sind für die Volkswirtschaft". Er sieht in ihnen "einen großen Faktor für die Erosion der amerikanischen Führungsposition in Wettbewerbsfähigkeit und Technologie".

Der Kaufrausch verstärkt auf dramatische Weise zwei Trends, die den amerikanischen Unternehmen und damit der gesamten Volkswirtschaft schweren Schaden zufügen können: Er erhöht die Verschuldung der Firmen, und er zwingt das Management, die Unternehmenspolitik noch mehr auf kurzfristige Erfolge auszurichten.

Fast alle Firmenaufkäufe werden mit großen Krediten finanziert. Kohlberg Kravis Roberts & Co., an Wall Street nur KKR genannt, wird mindestens fünfzehn Milliarden Dollar bei Banken pumpen müssen, wenn der Nabisco-Kauf funktioniert. Das Nabisco-Management braucht wahrscheinlich sogar einen höheren Kredit. Selbst wenn sich das Management erfolgreich gegen eine sogenannte feindliche Übernahme wehrt, steigen zwangsläufig die Schulden des Unternehmens. Denn Sonderausschüttungen müßten die Aktionäre davon abhalten, das günstige Übernahmeangebot anzunehmen. So konterte das Management des Lebensmittelherstellers Kraft das Kaufangebot von Philip Morris mit einem "Rekapitalisierungsplan", der Zahlungen von vierzehn Milliarden Dollar an die Aktionäre versprach. Wäre diese Gegenattacke gelungen, so hätte sich Kraft innerhalb weniger Wochen von einem Unternehmen mit Kassenbestand von 1,2 Milliarden Dollar in einen hoch verschuldeten Konzern verwandelt. Der Rekapitalisierungsplan hätte tatsächlich mit einer Dekapitalisierung des Unternehmens geendet.