Von Dieter E. Zimmer

Die einfachsten Fragen sind immer die schwersten. Wieviel Wörter hat einer, der Deutsch spricht? Wie viele gibt es denn überhaupt? Adenauer hatte nur achthundert, heißt es. Aber Goethe, der hatte doch bestimmt Hunderttausende... Wir machen uns keine Vorstellung von der Größe des Wortschatzes, des eigenen wie des um uns her. Zehntausend, hunderttausend, eine Million, wer weiß es – aber große Zahlen bedeuten uns sowieso immer nur "viele".

Jedoch gibt es Situationen, in denen man es gern genauer wüßte. Berufs- und Hobby-Psycholinguisten möchten Genaueres über das Fassungsvermögen des Gedächtnisses wissen; sie möchten auch wissen, welche Leistung Kinder eigentlich erbringen, wenn sie in wenigen Jahren und wie von selbst ihre Muttersprache in sich hineinsaugen.

Wer in einem Alter, in dem man nicht mehr alles hineinfrißt, eine Fremdsprache lernt, der will rationell und zielbewußt vorgehen und sich erst einmal die unentbehrlichsten Vokabeln einverleiben; er wüßte auch gern, wieviel er überhaupt zu lernen hat, um sich einigermaßen behelfen zu können. Die Sprachdidaktik sollte also wissen, welches der Grundbestand einer Sprache ist (und sie weiß es).

Oder all die Software-Firmen, die sich mit Textverarbeitung befassen und von denen wir eines Tages die Alphabetisierung des Computers verlangen müssen: wenn sie sich keine näheren Gedanken machen, ehe sie ein elektronisches Rechtschreib- oder Synonymen- oder Übersetzungswörterbuch in Angriff nehmen, wenn sie nur die Kniffe ihres Programms im Auge haben und die Wörter, mit denen dieses umgehen soll, als eine Art Müll betrachten, den man am besten kiloweise von der Duden-Redaktion bezieht und unbesehen in das Programm einfüllt – dann könnte es ihnen passieren, daß das ganze schlaue Programm der Eigenart der Sprache nicht gewachsen ist und seinen Nutzern wenig nützt. Einige offerieren teures Werkzeug, sich im Eigenbau selber Wörterbücher anzufertigen, "mühelos" – die langen Gesichter, wenn sich die Mühen dann hinziehen, bekommen sie nie zu sehen.

Wie groß also ist er, der deutsche Wortschatz? Die Sprachwissenschaft schätzt ihn seit langem auf etwa 400 000. Schätzt sie richtig? Seit einigen Jahren gibt es endlich zwei große deutsche Wörterbücher: das sechsbändige "Duden Wörterbuch" (1976/81) und den ebenfalls sechsbändigen "Brockhaus Wahrig" (1980/84). Beide sind ausdrücklich auf Vollständigkeit aus. Nur Fachwörter, die nicht in die allgemeine Sprache eingedrungen sind, lassen sie beiseite; ansonsten wollen sie den gesamten allgemeinen Wortschatz verzeichnen. So kommt der "Brockhaus Wahrig" laut eigener Angabe auf 220 000 Stichwörter, der "Duden" auf 500 000. Und der Benutzer wiegt beide Werke in den Händen und sagt sich, daß hier etwas nicht stimmen kann. Zwar ist der "Duden" kleiner gedruckt, aber mehr als der "Brockhaus Wahrig" enthält er gewiß nicht, eher weniger. Also muß es daran liegen, daß beide Redaktionen unterschiedlich gezählt haben. Tatsächlich heißt es auf dem "Duden" wörtlich: "Über 500 000 Stichwörter und Definitionen". Und das will wohl verstanden werden als "eine ungenannte Zahl von Wörtern.in 500 000 Bedeutungen".

Denn natürlich gibt es viel mehr lexikalische Bedeutungen als Wörter. Einmal liegt es an den zahlreichen Homonymen, also den Fällen, in denen zwei grundverschiedene Wörter zufällig gleich geschrieben werden (Fest und fest, sein und sein). Zum anderen sind sehr viele Wörter polysem, tragen also mehrere Bedeutungen. Wir merken es spätestens beim Übersetzen, wenn etwa ein Hörer mal als listener, mal als Student, mal als receiver wiedergegeben werden will.