Von Esther Knorr-Anders

Ach, was muß man oft von bösen Kindern hören oder lesen!" So beginnt die Chronique scandaleuse der zwei von aller Welt geliebten Übeltäter. Wilhelm Buschs Verleger Heinrich Richter aber wollte die "Bubengeschichte in sieben Streichen" nicht drucken. Wahrscheinlich witterte er, daß sich der Autor in inniglich-unanständigem Einklang mit den Lausejungen befand. Das witterte auch Verleger Caspar Braun in München, als er das Manuskript in Händen hielt. Mehr noch, er ahnte – vielleicht ebenfalls aus Wesenstiefe –, daß ganze Generationen für die spektakulären Bengel Partei ergreifen würden. Denn die Streiche der beiden regten die Phantasie von jung und alt an, erhielten unversehens den Stellenwert eigener, verpaßter Möglichkeiten. Jammerschade, daß die Rüpel im Mühltrichter endeten und obendrein der Häme biederer Bürger anheimfielen. "Ja, ja, ja – rief Meister Böck – Bosheit ist kein Lebenszweck."

1865 traten, dank Braun, Max und Moritz ins literarische Leben ein. Unsterblichkeit war ihnen sicher. Der schmale Band eroberte die Kontinente. Besorgte Pädagogen rangen die Hände. In der Steiermark wurden die Streiche als "jugendgefährdend" verboten. Caspar Braun lächelte still vor sich hin...

Haben die Sieben-Streiche-Helden etwa lebensechte Vorbilder gehabt? Max und Moritz, alias Erich Bachmann (Mühlenbesitzerssohn) und Wilhelm Busch, schlossen als Kinder, im Herbst des Jahres 1841, Freundschaft. Das geschah im Dorf Ebergötzen bei Göttingen. Die Freundschaft endete 1907 mit dem Tod Bachmanns.

Reinhard Brandt ist Museumsleiter in Ebergötzen; unermüdlicher Betreuer der historisch penibel restaurierten Bachmannschen Mühle, die heute Wilhelm-Busch-Mühle genannt wird. Die Namensänderung ist Orientierungshilfe für Besuchergruppen. Sie weist darüber hinaus auf die lange Männerfreundschaft hin. 1875 notierte Busch in seinen Erinnerungen "Von mir über mich": "Ich verbrachte die letzten Tage in der alten Mühle, die mich seit Kinderzeiten immer freundlich aufgenommen. Da schlief sich’s gut. Das Bett wackelte noch wie früher beim Getriebe der Räder, und das herabstürzende Wasser rauschte durch meine Träume."

Wir fahren über die alte Herzberger Landstraße durchs Hacketal. Auf diesem Weg gelangte auch Busch von Göttingen nach Ebergötzen. Sechs Stunden brauchte die Postkutsche. Eine halbe Stunde brauchen wir mit dem Auto. Kurve um Kurve. Walddickicht. Man meint des Dichters Stimme zu hören: "Noch immer erschüttert es mich, wenn das enge, felsige Tal mich umfängt, in dem die Quellen sich zu dem Bach vereinigen, worin ich vor dreißig Jahren Forellen mit der Hand gefangen."

Wir erreichen Ebergötzen. Augenblicklich wird der Zauber unverfälschten ländlichen Panoramas wirksam: buntes Fachwerk, Kräuter- und Blumenwildnis in den Bauerngärten, vor uns der abfallende Pfad, der an der weißgekachelten, spitzgiebeligen "Rumpelmühle" endet. Hier mögen sich die neunjährigen Buben Wilhelm und Erich zum erstenmal gesehen haben. Der stämmige Erich wird den schmalen Wilhelm und dessen hochgekämmte Tolle gemustert haben. Der fremde Junge wohnte im Pfarrhaus bei seinem Onkel Pastor Georg Kleine. Würde er ein Freund sein können? Auch Kinder leiten eine Freundschaft formell ein. Erich mag gefragt haben: "Woll’n wir uns mit Lehm beschmieren?" Daß Wilhelm unverzüglich zustimmte, ist schriftlich festgelegt. "Gleich am Tage nach der Ankunft schloß ich Freundschaft mit dem Sohn des Müllers. Wir gingen vors Dorf hinaus ... machten eine Mudde aus Erde und Wasser... überkleisterten uns damit von oben bis unten, legten uns in die Sonne, bis wir überkrustiert waren wie Pasteten." Das war der Vorläufer des "Sechsten Streiches". Max und Moritz purzeln beim Brezelklauen in den gefüllten Backtrog. "Ganz von Kuchenteig umhüllt, stehn sie da als Jammerbild."