Von Theodor Zonde

Berlin war meine Vaterstadt. Die Familie meiner Mutter, die Veits, war bereits 1680 vom Großen Kurfürsten nach Berlin zugelassen worden und spielte eine bedeutende Rolle in Handel, Industrie und Wissenschaft. Ich folgte der Tradition meiner väterlichen Familie und wurde Mediziner, konnte aber das Studium wegen des sogenannten Arierparagraphen nicht beenden und wandte mich einstweilen der Photographie als Ausweichberuf zu. Zur Zeit der Ausschreitungen im November 1938 hatte ich einen kleinen Photographenbetrieb.

Die Auswanderung war mir noch nicht gelungen, und es gab auch noch zusätzliche Schwierigkeiten. Mein Vater, der Senior der Professorenfamilie Zondek, war der Arzt und Freund vieler führender Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Mein Vetter Hermann war der Arzt und Freund des Reichsaußenministers Stresemann und ebenfalls des letzten Kanzlers der Weimarer Republik, General Schleicher.

So war unsere Familie nicht gut bei dem neuen Regime angeschrieben. Meine Vettern wurden bedroht und verließen beinahe fluchtartig das Land. Mein Vater starb kurz danach. Wir Zurückgebliebenen waren daher doppelter Kontrolle unterworfen und wurden hin und wieder von wohlmeinenden Beamten gewarnt, besonders vorsichtig zu sein.

Der Sommer des Jahres 1938 hatte noch eine kurze Atempause für die deutschen Juden gebracht. Es bestanden indessen Befürchtungen, daß sich die Lage allmählich wieder verschärfen würde. So waren im April des Jahres Sonderbestimmungen für die Anmeldung von jüdischem Vermögen über 5000 Reichsmark veröffentlicht worden. Sämtliche Silber- und Schmuckgegenstände mußten angegeben werden. Im Sommer 1938 kam eine Verfügung heraus, nach der jüdische Geschäftsinhaber ihren Namen in deutlich sichtbaren weißen Buchstaben auf den Schaufenstern ihrer Geschäfte anzubringen hatten.

Die Namen waren keineswegs immer "typisch jüdische Namen". So lautete die Inschrift auf dem Schaufenster des bekannten Ledergeschäftes "Alligator" in der Tauentzienstraße: Adolph Schmidt. Späterhin wurden jüdische Männer gezwungen, den zusätzlichen Namen "Israel" anzunehmen, während sich die Frauen "Sarah" nennen mußten. Es wurde einem auch großzügig angeboten, einen anderen Namen gegen Zahlung einer bestimmten Geldsumme anzunehmen, den man von einer besonderen Liste meist jiddischer Namen aussuchen konnte. Trotzdem kaufte das Berliner Publikum weiterhin in diesen Geschäften, die ihm oft seit vielen Jahren gut bekannt waren.