Von Theodor Zonde

Berlin war meine Vaterstadt. Die Familie meiner Mutter, die Veits, war bereits 1680 vom Großen Kurfürsten nach Berlin zugelassen worden und spielte eine bedeutende Rolle in Handel, Industrie und Wissenschaft. Ich folgte der Tradition meiner väterlichen Familie und wurde Mediziner, konnte aber das Studium wegen des sogenannten Arierparagraphen nicht beenden und wandte mich einstweilen der Photographie als Ausweichberuf zu. Zur Zeit der Ausschreitungen im November 1938 hatte ich einen kleinen Photographenbetrieb.

Die Auswanderung war mir noch nicht gelungen, und es gab auch noch zusätzliche Schwierigkeiten. Mein Vater, der Senior der Professorenfamilie Zondek, war der Arzt und Freund vieler führender Persönlichkeiten der Weimarer Republik. Mein Vetter Hermann war der Arzt und Freund des Reichsaußenministers Stresemann und ebenfalls des letzten Kanzlers der Weimarer Republik, General Schleicher.

So war unsere Familie nicht gut bei dem neuen Regime angeschrieben. Meine Vettern wurden bedroht und verließen beinahe fluchtartig das Land. Mein Vater starb kurz danach. Wir Zurückgebliebenen waren daher doppelter Kontrolle unterworfen und wurden hin und wieder von wohlmeinenden Beamten gewarnt, besonders vorsichtig zu sein.

Der Sommer des Jahres 1938 hatte noch eine kurze Atempause für die deutschen Juden gebracht. Es bestanden indessen Befürchtungen, daß sich die Lage allmählich wieder verschärfen würde. So waren im April des Jahres Sonderbestimmungen für die Anmeldung von jüdischem Vermögen über 5000 Reichsmark veröffentlicht worden. Sämtliche Silber- und Schmuckgegenstände mußten angegeben werden. Im Sommer 1938 kam eine Verfügung heraus, nach der jüdische Geschäftsinhaber ihren Namen in deutlich sichtbaren weißen Buchstaben auf den Schaufenstern ihrer Geschäfte anzubringen hatten.

Die Namen waren keineswegs immer „typisch jüdische Namen“. So lautete die Inschrift auf dem Schaufenster des bekannten Ledergeschäftes „Alligator“ in der Tauentzienstraße: Adolph Schmidt. Späterhin wurden jüdische Männer gezwungen, den zusätzlichen Namen „Israel“ anzunehmen, während sich die Frauen „Sarah“ nennen mußten. Es wurde einem auch großzügig angeboten, einen anderen Namen gegen Zahlung einer bestimmten Geldsumme anzunehmen, den man von einer besonderen Liste meist jiddischer Namen aussuchen konnte. Trotzdem kaufte das Berliner Publikum weiterhin in diesen Geschäften, die ihm oft seit vielen Jahren gut bekannt waren.

Im September gab es die sogenannte Sudetenkrise, vom Hitler-Regime heraufbeschworen. Ich beobachtete damals Szenen auf der Straße, die ich noch kurz vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Frauen hatten verweinte Augen, weil sie fürchteten, daß ihre Männer in den Krieg ziehen müßten. Erst nach der Münchner Konferenz fiel sich dann alles gerührt in die Arme. Man kann verstehen, daß bei solchen erregenden Ereignissen die Judenfrage nach außen hin an Bedeutung verlor. Hinter den Kulissen war jedoch alles bereits für das kommende Geschehen vorbereitet worden. Es war die Ruhe vor dem Sturm.

Am 7. November 1938 wurde der Botschaftsrat vom Rath von dem jungen polnischen Juden Hermann Grünspan in Paris angeschossen und schwer verletzt. Grünspan wollte mit dieser Tat das Weltgewissen für die verfolgten Juden aufrütteln. Seine Eltern gehörten zu den 17 000 in Deutschland lebenden Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die Ende Oktober von einem Tag auf den anderen an die polnische Grenze abgeschoben wurden. Sie fanden dort aber keine Aufnahme und vegetierten im Niemandsland unter miserablen Bedingungen.

Der 8. November war für mich ein üblicher Arbeitstag. Die Zeitungen brachten wüste Angriffe auf die deutschen Juden. Alle ihre Zeitungen wurden verboten. Der Goebbelssche Angriff meinte, nun sei die Zeit für die endgültige Abrechnung mit den Juden gekommen.

Den Abend verbrachte ich mit meinem treuen Freund Peter M., der immer zu mir gehalten hatte. Wir nahmen an, daß Hitler in seiner Rede zum Jahrestag des 9. November 1923 die üblichen wilden Tiraden gegen die Juden noch sehr verstärken würde. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir damals vor dem Lautsprecher saßen und jedes Wort der Rede sorgfältig registrierten. Sie dauerte wieder länger als eine Stunde. Hitler sprach von seiner großen Friedensliebe, vom englischen Unterhaus und insbesondere von Churchill, der ihm schon damals als ein gefährlicher Gegner erschien. Dann forderte er die Rückgabe der deutschen Kolonien und erklärte, besonders zu Peters Vergnügen, mit dem Brustton tiefster Uberzeugung, daß er ein Erzdemokrat sei, der die Diktaturen von Benesch und Schuschnigg beseitigt habe. Am Ende hieß es dann, solange er lebe, wolle er nur „der Führer“ genannt werden.

Aber warum sagte er denn kein Wort über die Juden? Die Ärzte hatten doch über den Zustand des schwerverletzten vom Rath ein besorgniserregendes Bulletin veröffentlicht. Wir standen vor einem Rätsel.

Am Nachmittag des nächsten Tages erlag vom Rath seinen Verletzungen. Dann kam der 10. November, ein Donnerstag. Ich hatte meine Arbeit gerade begonnen, da erhielt ich einen Telephonanruf meiner Mutter aus Frankfurt am Main. Sie sprach sehr erregt. Wie es mir gehe, ich solle nur gut aufpassen, daß mir nichts geschehe. Ich solle sie doch, wenn möglich, abends vom Anhalter Bahnhof abholen, und es liege ihr doch soviel daran, mich pünktlich anzutreffen.

Meine Mutter war eine sehr beherrschte und tapfere Frau. Sie mußte einen Grund für ihre plötzliche Besorgnis haben. Und dann gab sie mir ein deutliches Zeichen: „Dein Onkel Walter ist heute in ein Sanatorium gebracht worden“, sagte sie. Ich war sehr erstaunt darüber und sagte: „Aber er ist doch ein ganz gesunder Mann.“ Meine Mutter sprach nun etwas leiser: „Na, du weißt doch, in so ein besonderes Sanatorium, wie sie es heute eben gibt.“ Endlich verstand ich, was sie meinte. „Daß du nicht auch in so ein Sanatorium kommst“, sagte sie sehr besorgt.

Ich erledigte dann schnell eine dringende Arbeit und ging hinunter, um herauszufinden, wie es draußen aussah. Im Hausflur stand unser Portier, ein alter Sozialdemokrat, der uns oft beigestanden hatte. Er klang besorgt: „Gehen Sie lieber nicht auf die Straße, es liegt ja alles in Scherben. So eine verrückte Zeit. Abef man darf ja nischt sagen.“

Draußen war herrliches Wetter. Die Novembersonne schien unter einem blauen Himmel. Noch heute sehe ich alles deutlich vor mir. Dieser strahlende Novembertag und dann der gräßliche Zustand auf der Straße. In unserem Haus waren schon seit Jahrzehnten etablierte jüdische Geschäfte. Sie boten einen traurigen Anblick: zerbrochene Fensterscheiben, ein Scherbenmeer, auf dem man herumtrat, durcheinandergewühlte Auslagen, zerbrochene Leuchtschilder.

Nebenan und gegenüber, immer das gleiche. Nun konnte man verstehen, warum die weißen Namensinschriften auf den Schaufenstern der jüdischen Geschäfte angebracht werden mußten. Sie dienten den Zerstörern als wertvolle Wegweiser. Es war also eine lange vorher geplante Aktion.

Ein junger Mann kam vorbei. Ich fragte ihn, ob er wisse, wann das alles geschehen sei. „Ich glaube, heute nacht zwischen drei und vier“, antwortete er und ging schnell weiter. Andere Passanten erzählten mir, daß auch Synagogen verwüstet und in Brand gesteckt worden seien, wohl ungefähr zur gleichen Zeit.

Ich beobachtete eine Anzahl von Ladenbesitzern, die Scherben und Schutt wegzufegen versuchten. Der Inhaber des eleganten Geschäfts „Nica“ am Romanischen Café bewegte stumm und mit starrer Miene einen großen Besen. Das Ganze erschien mir völlig unnatürlich. Dabei waren keineswegs mehr Menschen als sonst um diese Zeit auf der Straße. In einigen Geschäften erschienen Glaser, um neue Scheiben einzusetzen. Ein Geschäftsinhaber sagte, er habe bereits seine Versicherungsgesellschaft informiert. Vielleicht war damit alles abgetan.

Ich ging zurück, um noch einige dringende Arbeiten zu erledigen. Es handelte sich damals zumeist um Paßphotos und Photokopien für Auswanderungszwecke, denn jeder suchte, so schnell wie möglich fortzukommen. Einige Kunden erzählten von der Aktion in anderen Stadtteilen. Wir befürchteten nun doch Verhaftungen, obwohl immer noch die Hoffnung bestand, daß es in Berlin nicht so schlimm werden würde wie in der Provinz, wo es immer sehr viel brutaler zuging.

Am Nachmittag rief meine Tante an. Sie erzählte mir sehr erregt, daß soeben einer meiner Vettern, ein praktischer Arzt, verhaftet worden war. Ich solle doch nur sofort hinkommen, denn bei ihnen würden die Beamten wohl nicht mehr erscheinen. Nach einigem Zögern ging ich dorthin und hörte nähere Einzelheiten. Die Beamten hatten auch einen Haftbefehl für meinen anderen Vetter, den Dermatologen, vorgewiesen. Dieser war Kriegsbeschädigter und hatte gerade eine Operation an dem kriegsverletzten Bein gehabt. Die Beamten scheuten aber davor zurück, die frische Wunde zu sehen und nahmen ihn nicht in Haft. Er wurde indessen wenige Jahre später zusammen mit seiner Frau, einer erstklassigen Augenärztin, schon beim Abtransport in einem Gaswagen ermordet.

Der verhaftete Bruder erzählte mir später, nach seiner Freilassung aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen, daß die Beamten, die ihn verhaftet hatten, zu Anfang ganz freundlich waren und ihm sogar anboten, eine Tasse Kaffee mit ihnen zu trinken. Es kam aber nicht dazu, und der Ton der Beamten wurde um so schärfer, je näher sie dem Polizeigefängnis am Alexanderplatz kamen. Dort wurden die Häftlinge mit wüsten Schimpfworten empfangen. Sie konnten ahnen, was ihnen bevorstand. Im Lager war mein Vetter Leichenträger, eine dort sehr notwendige Beschäftigung.

Ich besuchte auch den mir befreundeten Inhaber eines Etagengeschäfts für Herren- und Damenbekleidung in der Nürnberger Straße, um mit ihm einige Auswanderungsprojekte zu besprechen. Er erzählte mir sehr erregt, daß eine Gruppe von SA-Männern bei ihm erschienen sei, deren Anführer schon am Eingang schrie: „Jetzt wird hier mal gründlich aufgeräumt.“ Mit einem Knotenstock fegte er alles sichtbare Porzellan und Glas von einem Buffet und befahl dann seinen Leuten, die Büroschränke aufzubrechen. Akten und Geschäftspapiere flogen auf den Boden, eine Lampe wurde zerschlagen. Dann ließ er die Kleiderständer umwerfen. Kleidungsstücke wurden heruntergerissen, und die Männer trampelten auf ihnen herum.

Beim Abmarsch sagte der letzte Bursche kurz vor dem Hinausgehen zu meinem Freund: „Sie sind wohl ein Rheinländer? Alles Gute.“ Mein Freund war Kölner und sprach den Dialekt. „Daß in solchen furchtbaren Situationen noch so etwas möglich ist“, sagte er höchst erstaunt. Trotz der wüsten Zerstörung war er noch sehr froh, daß die Banditen ihn nicht verhaftet hatten.

Ich beschloß dann noch, vor dem Nachhauseweg meinen photographischen Mitarbeiter Dr. S. aufzusuchen. Als Amtsrichter in Cottbus war er wegen des sogenannten Arierparagraphen frühzeitig pensioniert worden. Er war Freiwilliger und Frontsoldat im Weltkrieg gewesen, sein Bruder, auch ein Jurist, an einem der letzten Kriegstage gefallen.

Dr. S. lebte mit seiner alten Mutter zusammen.

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Heute traf ich ihn allein an. „Was beabsichtigen Sie zu tun?“ fragte ich ihn. „Soll man sich vielleicht verstecken?“ Er sah mich ruhig lächelnd an. „Ich bleibe hier, ich verlasse meine Mutter nicht. Sie ist alt und krank. Ich habe keine Angst. Auswandern können wir sowieso nicht mehr, das würde sie nicht aushalten, und allein lasse ich sie nicht.“

Wir besprachen noch kurz, was im Falle einer Verhaftung aus unserem Betrieb werden solle. Christliche Freunde könnten eventuell helfend eingreifen. Dann verabschiedete ich mich schnell. Übrigens wurde Dr. S. bei dieser Aktion nicht verhaftet. Er und seine Mutter nahmen bei Kriegsbeginn, vor der drohenden Deportation, gemeinsam Gift.

Als ich gerade in unser Haus in der Tauentzienstraße hineingehen wollte, sah ich kurz davor unseren Freund, den Rechtsanwalt und Notar Dr. A., in Begleitung eines Mannes, der nur ein Kriminalbeamter sein konnte. Sie gingen in Richtung Wittenbergplatz. Die verschonten also nicht einmal die Frontkämpfer. Herr Dr. A. hatte vor Verdun gestanden und besaß das Eiserne Kreuz erster Klasse. Mir schwante nichts Gutes, und ich begab mich schnell in unsere Wohnung.

Später am Nachmittag riefen Freunde und Verwandte an, die von eben erfolgten Verhaftungen bei sich berichteten und besorgt waren, ob bei mir noch alles in Ordnung sei. Ich machte mir nun doch Gedanken, was ich tun sollte. Was würde meine Mutter sagen, wenn ich nicht abends am Bahnhof erschiene?

Die Verhaftungen hatten nun regelrecht angefangen, und ich saß in unserer Wohnung wie in einer Falle. So beschloß ich, einfach auf die Straße zu gehen, bis es Zeit wurde, meine Mutter abzuholen. Ich würde bestimmt nicht auffallen. Ich war groß, hatte blaue Augen und war blond, also wenigstens rein äußerlich nach dem damaligen Begriff „rasserein“.

Als ich auf die Straße trat, bot sich mir ein Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe. Dichte Menschenmengen standen vor den jüdischen Geschäften, und die Trottoirs waren verstopft. Die Szene hatte sich völlig verändert, seitdem ich zuletzt unten gewesen war.

Kleine Trupps von SA, teilweise auch zusammen mit Nichtuniformierten oder mit Hitlerjugend, brüllten mit monotoner Stimme: „Rache für vom Rath! Rache für vom Rath! Deutschland erwache! Juda verrecke!“ Es klang alles wie einstudiert und wurde, wie man später im Volk hörte, pro Stunde bezahlt. Dann wurden die bereits demolierten Geschäfte „gestürmt“. Mit Beilen und, wie ich glaube, auch Holzhämmern zertrümmerten sie die letzten Glasreste in den Schaufenstern. Andere benutzten lange Eisenstangen für das Hochparterre.

Teile des Ladeninhalts waren schon vorher geplündert worden, der Rest folgte jetzt nach. Buchhaltungen, Lampen, Karthoteken, aus Ordnern gerissene Briefe und noch viel mehr flogen auf das Pflaster. Ein alter Arbeiter sagte: „Mensch, ich möchte mal die Photos sehen, die morgen in der Auslandspresse erscheinen.“ Jemand neben mir sagte, er habe auf dem Kurfürstendamm gesehen, wie die Damen der Straße, aber auch einige andere Herrschaften sich mit Pelzmänteln, Kleidern und Schmuck bedient hätten. Jeder konnte sich heute am Juden schadlos halten. Besonders traurig sah ein Antiquitätengeschäft in einer Seitenstraße aus: Dort hatten die Rabauken die kostbaren Möbel völlig zerschlagen und Bilder, Bücher und Teppiche ruiniert.

Plötzlich hieß es, die zweitgrößte Synagoge Berlins in der Fasanenstraße, von Kaiser Wilhelm II. im Jahre 1912 eingeweiht, sei völlig ausgeraubt und zerstört worden. Irgendwas Besonderes geschehe gerade am Wittenbergplatz unweit unseres Hauses. Ich eilte dorthin und fragte einen älteren Mann, der neben mir stand, was denn da vor sich ginge. Er antwortete: „Die verbrennen gerade das Altartuch von der Synagoge in der Fasanenstraße.“ Es schien ihn nicht weiter zu erregen. Manche lachten, andere standen stumm da und starrten zum Tatort. Ich dachte unverzüglich an die Hexenverbrennungen im Mittelalter. Dann sah man, wie die jugendliche Rotte abzog.

Sie gingen, wie ich in der Menge hörte, zur Synagoge zurück, um dort Feuer zu legen.

Während der ganzen Zeit – und es waren mehrere Stunden, die ich auf der Straße zubrachte – habe ich keine Polizei und kein Überfallkommando gesehen. Die Verkehrspolizisten griffen nirgendwo ein. Auch die Feuerwehr war untätig. Sie hatte nur den Befehl, die Ausbreitung eines Feuers in die Nachbarschaft zu verhindern und den Brand auf den jüdischen Besitz zu beschränken.

In Steglitz verschonte man eine ganz kleine Synagoge, weil nebenan ein „arischer Holzhof“ lag, auf den das Feuer hätte leicht übergreifen können. Regelrechte Brandstiftungen habe ich jedoch selber in den Straßen, durch die ich wanderte, nicht gesehen. Erst am Abend erschien Polizei, um weitere Plünderungen zu verhindern. Aber da war bereits nichts mehr zu retten.

Die Menge blieb zumeist stumm, irgendwie gelähmt. Man muß bedenken, daß sie bereits seit über fünf Jahren unter einer straffen Diktatur lebte. Ich hörte aber auch schadenfrohe Bemerkungen wie: „Das geschieht dem Juden recht. Er hat es auch nicht anders verdient.“ Aber ein junger Soldat der Luftwaffe neben mir sagte zu meinem Erstaunen: „Das wird uns nichts nützen. Das wird unseren Volksgenossen im Ausland schaden.“ Ein paar Nazis in Uniform fuhren ihn wütend an: „Was, du willst ein Soldat der Wehrmacht sein? Mach, daß du weiterkommst, aber schleunigst.“ Der junge Soldat erwiderte kein Wort und verschwand in der Menge.

Ein paar ältere Damen kamen an mich heran: „Shocking, isn’t it?“ Ich sprach kurz mit ihnen auf englisch, und sie riefen mir noch zu: „Good luck, young man!“ Soldaten erblickte man kaum. Dagegen fiel mir auf, daß einige Offiziere einen weiten Bogen um die Menschenansammlungen machten, als ob sie mit der ganzen Angelegenheit nichts zu tun haben wollten. Am Kurfürstendamm sollen jedoch zwei Offiziere versucht haben einzuschreiten, was ihnen aber nicht gelang.

Manche jüdische Firmen waren an diesem Tag bereits in dem sogenannten Arisierungsprozeß begriffen. Der neue „arische“ Eigentümer der Parfümerie Audorff in unserem Haus erschien plötzlich, um die Zerstörungskolonne bei ihrem Werk aufzuhalten: Diese Firma sei bereits in arischen Besitz übergegangen. Die SA-Leute mußten nun die Trümmer mit einem großen Besen zusammenfegen und Ordnung schaffen. Das erregte einige Heiterkeit bei den Zuschauern.

Die Menge machte im großen und ganzen nicht den Eindruck der „kochenden Volksseele“, von der Parteiredner und Presse sprachen. Ich hatte als kleiner Junge bei Umzügen auf diesen Straßen riesige Menschenmassen gesehen. Sie waren zwar auch von oben gelenkt, aber doch von einem gewissen Idealismus beseelt. Diese Menge heute war stumpfer, gedrückter, mit Ausnahme der Uniformierten und Sympathisierenden, die aber keineswegs die Mehrheit zu bilden schienen. Mancher mag auch Scham empfunden haben, konnte es aber nicht zeigen. Erst später, im stillen, haben uns Menschen durch ihre Hilfe gezeigt, daß nicht alles im braunen Sumpf versunken war.

An einer Stelle fanden die Nazi-Vandalen unerwarteten Widerstand. Das altbekannte Warenhaus N. Israel in der Spandauer Straße, wohl schon 1832 begründet und sehr beliebt beim Berliner Publikum, war von den Zerstörern schwer beschädigt worden. Die Inhaber Wilfried und Herbert Israel hatten indessen auch die britische Staatsangehörigkeit, denn ihre Mutter kam aus einer geachteten Londoner jüdischen Familie. Die britische Botschaft verlangte deshalb die völlige Wiederherstellung des Kaufhauses innerhalb weniger Tage. Eine beträchtliche Anzahl von Arbeitern und Handwerkern machte sich fieberhaft ans Werk. Einige Monate später entschlossen sich die Besitzer, das Warenhaus zu verkaufen. Es wurde ‚arisiert“, wie es damals so schön hieß.

Wilfried Israel, den wir gut kannten, hatte ein trauriges Schicksal. Er war überall hoch geschätzt vegen der sozialen Fürsorge für seine Angestellten und seiner unermüdlichen Arbeit in den jüdischen Hilfsorganisationen. Er verfügte über ein sehr großes Wissen, besonders in der Archäologie. Während des Krieges lebte er in England und setzte sein soziales Hilfswerk fort. Bei einem Flug nach Portugal, noch in den ersten Kriegsjahren, vurde sein Flugzeug, in dem sich auch der bekannte Filmschauspieler Leslie Howard befand, von deutschen Fliegern abgeschossen, die wohl innahmen, daß Churchill in dem Flugzeug sei. Noch kurz davor hatte ich ihn in London gesprochen, und er hatte mir von seinen Plänen erzählt.

An den großen Fenstern seines einstigen Warenhauses erschienen nach der Arisierung die Schilder mit der Aufschrift: „Juden unerwünscht“. Sie waren nun überall in Berlin zu sehen: in Cafes, Restaurants, Läden und an anderen Stellen. Um so bemerkenswerter erschien es, daß einer der letzten, der solch ein Schild anbrachte, ein Stiefbruder von Adolf Hitler, nämlich Alois Hitler, war. Er besaß ein Cafe-Restaurant am Wittenbergplatz. Man sagte damals, er habe nur sehr wenig mit seinem berühmten Bruder zu tun.

Bereits zwei Tage nach dem Beginn der Zerstörungsorgien wurden neue Gesetze bekanntgegeben. Jedes jüdische Geschäftsunternehmen mußte bis zum 1. Januar 1939 an den neuen „arischen“ Besitzer übergeben werden. Führerscheine wurden eingezogen, da „jüdische Fahrer den Verkehr behinderten“. Der Besuch von Unterhaltungsstätten wie Theatern, Kinos, Konzertsälen, et cetera wurde Juden streng verboten. Sie durften sich auch nicht mehr im Regierungsviertel, wie zum Beispiel in der Wilhelmstraße, sehen lassen.

Am 12. November wurde ebenfalls die sogenannte „Judenabgabe“ eingeführt, eine rückdatierte Vermögensabgabe von 20 Prozent. Die Versicherungsgesellschaften mußten die Prämien für die völlige Wiederherstellung aller zerstörten Läden und anderen Besitzes direkt an den Staat zahlen, während der jüdische Besitzer den Betrag noch einmal selber aufzubringen hatte.

Es folgten andere Verfügungen. Juden durften, um sie noch weiter zu demütigen, nur noch auf gelb gestrichenen Parkbänken sitzen. Ich erinnere mich indessen, daß die Bänke recht oft nicht von Juden, sondern von sympathisierenden nichtjüdischen Berlinern zum Zeichen des Protestes benutzt wurden.

Persönliche Mißhandlungen habe ich in jenen Tagen in meinem Bezirk nicht beobachten können. Es wurde mir aber aus glaubwürdiger Quelle berichtet, daß junge Radikale, teilweise uniformiert, jüdisch aussehende Passanten tätlich angriffen, besonders im Osten Berlins. Sie hatten auch jüdisch aussehende Ausländer verprügelt, darunter einen ägyptischen Freund von uns, einen Doktor der Chemie. Unter anderen Ausländern, die dieses Schicksal erlitten, war auch ein junger italienischer Faschist, der solche Behandlung von seinen Bundesgenossen wohl kaum erwartet hatte.

Während der großen Razzia am 10. November in Berlin sind sogar 15jährige Jungen zusammen mit vielen anderen Männern verhaftet und in die Konzentrationslager verschleppt worden. Verwandte und Freunde, die in verschiedenen Zeitabständen entlassen wurden, erzählten von endlosen Demütigungen und anderen schrecklichen Entbehrungen, die durch den strengen Winter noch verschlimmert wurden. Eine Anzahl von Gefangenen wurde brutal geprügelt, einige starben an den Folgen. Andere wiederum verübten Selbstmord, indem sie den elektrisch geladenen Stacheldraht berührten. Mein Onkel sagte, er habe solche schrecklichen Szenen noch nicht einmal im Weltkrieg erlebt, in dem er als Stabsarzt diente.

Am Abend jenes denkwürdigen Novembertages beeilte ich mich, meine Mutter vom Anhalter Bahnhof abzuholen. Sie war glücklich, mich unversehrt anzutreffen, denn sie hatte schon befürchtet, daß ich auch verhaftet worden sei. Ich fragte sie nach dem Schicksal meines Onkels. Er war Orthopäde und Universitätsprofessor in Frankfurt. Bei seiner Verhaftung am Morgen gab es eine seltsame Szene: Der Polizeibeamte, der ihn verhaften sollte, hatte Tränen in den Augen. Sein Kind war von meinem Onkel erfolgreich operiert worden. Der Mann stotterte: „Aber, Herr Professor, was soll ich tun? Sie haben mein Kind gerettet, und nun muß ich Sie abführen.“ Mein Onkel verlor seine Fassung nicht. Er war Stabsarzt und Frontkämpfer im Weltkrieg gewesen. Nun mußte er den Mann beruhigen, der ihn abführte.

Kaum in unserer Wohnung zurück, klingelte es mehrere Male. Meine Mutter wollte die Tür nicht öffnen. Es waren aber nur enge Freunde von uns, die selber nicht bedroht waren. Sie rieten mir, ich als Mann müsse schnellstens verschwinden. An Frauen waren die Verfolger ja bisher noch nicht herangegangen. Ein befreundeter Kollege meines Vaters erklärte sich sofort bereit, mich noch am selben Abend aufzunehmen. Dieser unerschrockene Mann hatte einen gesunden Haß auf das Regime. Wo er nur helfen konnte, tat er es.

So gelangte ich noch am späten Abend in seine Wohnung und blieb dort einige Wochen, bis sich die Situation etwas geklärt hatte. Als ich mich endlich in unsere Wohnung zurückwagte, war der Schrecken noch nicht ganz vorbei. Immer wieder wurden Razzien veranstaltet und Menschen verhaftet. Jedes Klingeln an der Wohnungstür war verdächtig.

Mit Hochdruck betrieb ich meine Auswanderung nach England, die mir erst Anfang des nächsten Jahres gelang. Meine Mutter mußte ich zurücklassen. Sie kam trotz aller Visen nicht mehr rechtzeitig heraus und wurde deportiert. Sehr bald danach starb sie an Hunger und Dysenterie. Sie soll bis zuletzt ihr Schicksal mit großer Würde getragen und immer noch versucht haben, anderen Menschen zu helfen.