Von Sibylle Zehle

Der Teppich bedeckt die ganze Wand, er verleiht dem Vortragssaal der Bayerischen Akademie der Wissenschaften die gebotene Würde. Herkules und sein Gefährte im Kampf gegen die Hydra, der eine köpft, der andere brennt die Wunden aus, und doch wuchern, winden sich immer neue gräßliche Schlangenhälse.

Der Kopf der Vortragenden sieht klein aus vor dem wandhoch wimmelnden Gewürm, klein und doch von auffallend gerader Haltung. Stolz liegt darin, aber auch Unnahbarkeit, Distanz.

"Auf unserer Fahrt aus Deutschland heraus", liest die Frau, "kamen wir durch deutsche Städte, welche bombardiert worden waren, und dies löste in mir eine Genugtuung aus..."

Und dann sagt sie, nun aufschauend, mitten in die Stille im Publikum hinein: "Die Städte werden neu errichtet werden, doch der Schandfleck, welcher Holocaust heißt, wird für immer bestehen."

Ruth Elias liest aus ihrem Buch "Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel."

Ein "schrecklich-gutes Buch" sei das, hat der Historiker Michael Wolffsohn ("Ewige Schuld") der Verlagskollegin bescheinigt, weil es "Schreckliches schildert und trotzdem versöhnlich wirkt". Aber das ist schrecklich falsch. Denn diese Frau da vorne, sie scheint in den vergangenen vierzig Jahren ihres Schweigens alle Kraft und allen Mut gesammelt zu haben, um sich noch einmal zu stellen, es aufzunehmen mit dem Unfaßbaren.