Von Carl-Christian Kaiser

Im Grunde wollen beide das Gleiche: Ihre Partei soll eigenständiger werden. Dazu ist ein besonderer Mann vonnöten. Auch darin stimmen sie überein. Sonst aber trennen Bernhard Vogel und Hans-Otto Wilhelm Welten, vor allem im Naturell: Dem Mainzer Ministerpräsidenten, der alles zehnmal überlegt, steht ein Herausforderer gegenüber, der den Eindruck zu erwecken versteht, daß er das Kind schon schaukeln werde.

Deshalb waren sie sich schon früher nicht gerade grün gewesen. Aber wenn die Delegierten der rheinland-pfälzischen CDU am übernächsten Wochenende in Koblenz über den neuen Landesvorstand ihrer Partei entscheiden, heben oder senken sie die Daumen in einem erbitterten Zweikampf. Nur einer von beiden kann politisch überleben.

Vordergründig handelt es sich nur um die Frage, ob den Christdemokraten in Rheinland-Pfalz, wie Vogel es will, fortan ein eigener Generalsekretär mehr Atem einhauchen oder ob diese Aufgabe, so Wilhelm, künftig ein von Regierungszwängen freier Landesvorsitzender übernehmen soll. Beide haben ihren Einsatz in dieser Kontroverse bis zum Äußersten gesteigert – so sehr, daß Vogel selbst den Ruch nackter Erpressung in Kauf nimmt: Gelingt es seinem Herausforderer, ihn aus dem in Personalunion ausgeübten Amt des Parteichefs zu verdrängen, so will er auch den Dienst in der Mainzer Staatskanzlei quittieren.

Auf der anderen Seite Wilhelm: Sollte er gegen den Landesvorsitzenden unterliegen, wie könnte er dem rheinland-pfälzischen Kabinett dann weiter in dem von ihm ohnehin ungeliebten Amt des Umweltministers angehören? Wilhelm weiß genau, daß er seine – noch unausgesprochenen – Hoffnungen, eines Tages auch Ministerpräsident zu werden, zumindest auf längere Zeit begraben müßte, sollte sich Vogel mit dem Vorschlag durchsetzen, seinen Vertrauten Georg Gölter zum Generalsekretär zu berufen. Zwar ist der bisherige Kultusminister seit jeher ein starker Mann im Kabinett gewesen. Aber daß er als neuer Parteigeneral der Nachfolge im Barocksitz des Regierungschefs noch näher käme, ist für die meisten eine ausgemachte Sache.

Was Wunder, wenn auch Wilhelm die Kontroverse bis zum Äußersten ausreizt. "Die Partei", sagt er, "will geführt und nicht verwaltet werden, sie hat Anspruch auf Handeln mit Tatkraft, Mut und Entscheidungswillen" – jedes Wort ein Mißtrauensvotum, ein Peitschenhieb gegen Vogel.

Daß es jetzt derart schneidend zugeht, daß aus den Parteifreunden die berüchtigten Parteifeinde wurden, das hat eine lange Vorgeschichte. Seit jeher ist Hans-Otto Wilhelm ein ungebärdiges Temperament gewesen, nicht zu reden von seinem machtbewußten Ehrgeiz – ein Mann, für den jemand das Wort vom "Überzeugungsdynamiker" gefunden hat. Die Arbeit als Verwaltungsangestellter, nach Abschluß der Realschule, war nur der allererste Anfang einer Karriereleiter, deren CDU-Sprossen ihn alsbald in den Landtag und dort wiederum binnen kurzer Zeit an die Spitze der Unionsfraktion brachten. Auf diesem Platz ist er zum Stachel im Fleisch der eigenen Regierung geworden – nicht nur durch reine Aufmüpfigkeit, sondern vor allem auch durch Initiativen, mit denen er dem nach langer Machtausübung zuweilen ziemlich behäbig agierenden Kabinett den Rang ablief. –