Von Katharina Zimmer

RU 486, fälschlich "Pille danach" genannt, sorgt wieder für Schlagzeilen: In Frankreich, wo sie von der Pharmafirma Roussel-Uclaf entwickelt wurde, brachte sie dieser Tage ein beispielloses Verwirrspiel in Gang.

Erster Akt: Am 23. September dieses Jahres verkündet der französische Gesundheitsminister Claude Evin die offizielle Freigabe der Pille mit der internationalen Bezeichnung "Mifepristone". Zweiter Akt: Einen Monat später, am 26. Oktober, zieht Roussel-Uclaf (an deren Kapital sowohl die Firma Hoechst als auch der französische Staat beteiligt sind) zum allgemeinen Erstaunen die Pille aus dem Handel zurück, unter dem Druck der – meist katholischen – Abtreibungsgegner. "Man fürchtete die massiven Reaktionen nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland, vor allem in den USA", erklärt Arlette Geslin, Ärztin der Roussel-Laboratorien gegenüber der ZEIT. Dritter Akt: Die französische Öffentlichkeit reagiert ihrerseits nun überwiegend mit Empörung auf diesen Rückzug des Medikaments: "Wir glaubten, das Zeitalter der Stricknadeln [als Abtreibungsinstrument] hinter uns zu haben", schreibt Françoise Tournier in der Zeitschrift Elle. Sogar Chiracs ehemalige Gesundheitsministerin Michele Barzach engagiert sich: Im Fernsehen und in der Zeitung Libération verurteilt sie das Verhalten der Firma. Vierter Akt: Am 28. Oktober, 12.00 Uhr mittags, gibt Claude Evin "im Interesse der öffentlichen Gesundheit" bekannt, das Mittel erneut für den Handel freizugeben. "Dem Gesetz muß Folge geleistet werden; in seinem Rahmen ist der ‚gewollte Schwangerschaftsabbruch‘ ein Recht der Frauen dieses Landes", erklärt er. Fünfter und vorläufig letzter Akt: Drei Stunden später gibt die Firma Roussel-Uclaf ihr Einverständnis bekannt.

Ende gut, alles gut? Keineswegs. Meinungsverschiedenheiten allenthalben. Die katholische Kirche hält mit ihrer Enttäuschung nicht hinter dem Berg. Ein großer Teil der übrigen Kritik an der Freigabe der Pille basiert auf Mißverständnissen der Wirkungsweise, der Anwendungsart und der Art der Kommerzialisierung.

So ist RU 486 keine "Pille danach", die eine Schwangerschaft im Ansatz verhindert, auch nicht einfach eine Abtreibungspille. Die Substanz wurde gegen bestimmte Krebserkrankungen und zur Behandlung einiger gynäkologischer Störungen entwickelt. Primär wirkt sie als Gegenspieler eines Hormons: in seiner Struktur gleicht "Mifepristone" stark dem natürlichen Hormon Progesteron, das den Uterus für die Einnistung des Embryos vorbereitet und auch für die Aufrechterhaltung der Schwangerschaft sorgt. Das synthetische Molekül wirke sozusagen wie ein Nachschlüssel, erklärt sein "Erfinder" Etienne-Emile Baulieu. Es paßt genau in das eigentlich für das Progesteron vorgesehene Schlüsselloch, das heißt, es heftet sich an die Schaltstellen für das Hormon im Uterus. Damit versperrt es dem natürlichen Hormon den Zugang. Die Folge ist, daß unter dem Hormonmangel die Uterusschleimhaut, das Endometrium, zu bluten beginnt. Kontraktionen der Gebärmutter sind die Folge: Der Embryo wird ausgestoßen.

Allerdings hat sich im Laufe der 1981 in Genf begonnenen Testreihen gezeigt, daß die Verabreichung von RU 486 allein nicht genügt. In etwa 20 Prozent der Fälle kam es nicht zum Schwangerschaftsabbruch. Heute wird RU 486 in einer einmaligen Gabe von drei Pillen zu je zweihundert Milligramm "Mifepristone" verabreicht. Zwei Tage später bekommt die Frau ein Prostaglandin-Präparat (Prostaglandin ist ein Hormon, das Uterus-Kontraktionen auslöst) in die Scheide eingesetzt. Die Ausstoßung des Embryos erfolgt dann im Laufe der folgenden fünf bis acht Tage – mit einer nun 95prozentigen Sicherheit.

Vorerst ist RU 486 nur in Frankreich, nur in Kombination mit dem Prostaglandin-Präparat, nur vor dem Ende der fünften Schwangerschaftswoche und lediglich zum Gebrauch in mehreren (noch nicht allen) staatlich anerkannten Familienplanungszentren zugelassen. Die Bezeichnung Kommerzialisierung ist also mißverständlich. Die Weltgesundheitsorganisation setzt sich derzeit dafür ein, das Mittel auch in anderen Ländern unter bestimmten Schutzvorschriften freizugeben.