Von Peter Hamm

Die literarische Moderne, meint man, müßte allmählich restlos aufgearbeitet, zumindest zwischen Buchdeckeln restlos verfügbar sein. Kaum begreifbar also, daß einer, der nicht nur als Autor, sondern auch als Maler zweifelsohne zu den Vätern der Moderne zählt, bislang durch das sonst so dicht geflochtene Maschennetz verlegerischer und intellektueller Interessen geschlüpft sein soll. Die Rede ist von Wyndham Lewis, der dank der Entdeckerenergie eines wagemutigen Jungverlegers jetzt wenigstens mit einem Buch bei uns zu besichtigen ist.

"Ich hatte immer schön das Gefühl, Lewis habe mehr auf Lager als Joyce", meinte Lawrence Durell. T.S. Eliot nannte Lewis "den größten Meister des Prosastils in meiner Generation". Henry Miller ließ nur noch D.H. Lawrence neben Wyndham Lewis gelten. Und Ezra Pound versicherte (mit Blick auf den Maler Lewis): "Einzig Picasso ist unter den lebenden Künstlern annähernd von gleicher Klasse." Warum aber, sollten diese Urteile nur annähernd stimmen, ist dieser Wyndham Lewis dann nicht schon längst ein Begriff bei uns?

Es gibt Gründe dafür – und sie haben alle mehr mit der Person als mit dem Werk von Wyndham Lewis zu tun. Dieser Mann war nicht nur einer der interessantesten, sondern auch einer der impertinentesten Künstler der Moderne, nicht nur ein echter, Avantgardist, sondern auch ein wirklicher Kotzbrocken, der es verstand, sich alle – auch die ihm wohl wollten – zu Feinden zu machen und der sich selbst offenbar nur wohl fühlte in der Rolle des Feindes. Kein Wunder, daß er ziemlich früh an jemand Gefallen finden konnte, der dann zum Inbegriff des Feindes für die ganze Epoche werden sollte: an Adolf Hitler.

Daß die kaum bekannte Artikelserie, die Lewis während eines Deutschland-Besuchs Anfang der dreißiger Jahre für eine Zeitschrift geschrieben und unvorsichtigerweise als Buch unter dem zugkräftigen Titel "Hitler" hatte erscheinen lassen, in der deutschen Übersetzung sofort nach Hitlers Machtübernahme von diesem verboten wurde, daß Wyndham Lewis Ende der dreißiger Jahre von Hitler und vor allem von seinem Antisemitismus abrückte und sogar ein ausgesprochen projüdisches Buch herausbrachte – allerdings unter dem arg mißverständlichen Titel "The Jews, Are They Human?" (von dem nur sehr Gebildete wußten, daß er sich auf die Studie "The English, Are They Human?" eines Holländers bezog) daß Lewis am Ende seines Lebens sich in seinem Buch "Self-Condemned" selbst vieler politischer und anderer Sünden bezichtigte ("ein Buch von fast unerträglicher geistiger Qual", nannte es Eliot, und Pound meinte, es müsse Lewis eigentlich den Nobelpreis eintragen), dies alles nützte ihm nichts mehr. Man vergab Wyndham Lewis in der angelsächsischen Welt nie mehr seinen politischen Sündenfall.

Heimweh nach der Barbarei

Zwar sah man T.S. Eliot seine Charles-Maurras-Bewunderung und seine antisemitischen Äußerungen nach, vergaß seine wie Gertrude Steins Mussolini-Schwärmerei ebenso wie die Tatsache, daß nicht nur Eliot und Pound, sondern auch W. B. Yeats und Evelyn Waugh ihre Sympathien für Franco bekannt hatten, und sogar die fanatischen antisemitischen und antiamerikanischen Ausfälle, zu denen sich Ezra Pound verstiegen hatte, wurden irgendwann seinem bedeutenden Werk gutgeschrieben, doch Wyndham Lewis blieb – auch wenn seine Bücher bis zuletzt noch Verleger fanden und die Tate Gallery dem inzwischen erblindeten Vierundsiebzigjährigen 1956 eine große Retrospektive widmete – für immer der Faschist, der Feind.