Am 11.11. erwartet Gesundheitsministerin Rita Süssmuth den Besuch von Psychiatrie-Experten. Sie werden Empfehlungen zu einer Psychiatrie-Reform überreichen. Eine fast 20jährige Entwicklung findet damit ihren vorläufigen Abschluß. Zur Erinnerung:

1969 beschließt der Bundestag, eine Psychiatrie-Enquête in Auftrag zu geben. Der Bericht liegt 1975 vor. Er dokumentiert die menschenunwürdige Unterbringung von Patienten in überdimensionierten Verwahranstalten. Die damalige Bundesregierung braucht vier Jahre zu einer Stellungnahme, im Oktober 1979 wird sie im gähnend leeren Bundestag diskutiert. 1980 entschließt sich die Bundesregierung zu einem Modellprogramm: Rund 200 Projekte der außerklinischen Versorgung sollen mit 500 Millionen Mark gefördert werden (tatsächlich werden es 140 Projekte sein, die für rund 260 Millionen Mark zur Verfügung stehen. Jetzt also überbringen die von der Bundesregierung beauftragten Experten die wissenschaftliche Auswertung des Modellprogramms. Ihr Bericht umfaßt mehr als 800 Seiten mit oft schwammigen Formulierungen: Der langwierige Kampf um eine Psychiatrie-Reform hat die Reformer offenbar verschlissen.

Das Ergebnis der Psychiatrie-Kommission: Jährlich bedürfen schätzungsweise sechs bis acht Millionen Bürger psychiatrischer Behandlung. 200 000 Menschen werden jährlich in den psychiatrischen Landeskrankenhäusern behandelt, 1,6 Millionen suchen einen Nervenarzt auf und rund drei Millionen werden von der Allgemeinmedizin verarztet. Die Zahlen belegen eine Vertrauenskrise: Viele Menschen vertrauen sich in ihrer Not überhaupt keinem Arzt an.

Die Regierungs-Kommission hat zwei Dunkelfelder der Psychiatrie nicht erhellt: die Versorgung geistig Behinderter, die in der Psychiatrie nichts zu suchen haben, dort aber konzentriert sind; ebenso die forensische Psychiatrie, obgleich die Unterbringung und Behandlung psychisch kranker Straffälliger unzureichend ist.

Ein Behandlungsnotstand, sagt die Kommission, besteht bei Kindern und Jugendlichen. Unterentwickelt ist auch die Versorgung alter Menschen. Ihnen droht Gefahr, bei einer Krankenhausbehandlung vorschnell zur Verwahrung abgeschoben zu werden. Die Lage der Dauerpatienten, der "chronisch Kranken", wird "katastrophal" und "beschämend" genannt. Die Experten bezeichnen den Umgang mit den am schwersten Betroffenen als "Prüfstein für eine recht verstandene Gemeindepsychiatrie". Wer diesen Maßstab anlegt, kann die Situation nur als "ungenügend" bewerten. Sind die "chronisch Kranken" einmal als "Pflegefälle" deklariert, kommen die Kassen nicht mehr für sie auf. Dann müssen die Kranken oder ihre Angehörigen zahlen; sie bringen dafür jährlich 1,5 Milliarden Mark auf. Folgen dieser Sparpolitik: Viele Familienangehörige werden selbst krank und verarmen.

Die neue Psychiatrie-Enquête fordert: Behandlungsbedürftige sind in ihrer Gemeinde oder zumindest "gemeindenah" zu versorgen. Doch dies wird von Gesundheits- und Sozialverwaltungen bis heute vielfach behindert. Die Psychiatrie-Experten diagnostizieren als Grundübel der psychiatrischen Versorgung einen "Wirrwarr an Zuständigkeiten". Schizophrenie des Verwaltungsdenkens von Krankenkassen und den Trägern der Sozialhilfe: Die kostengünstigeren ambulanten Hilfen am Wohnort werden meist blockiert, die teure Unterbringung in fernen Anstalten aber gefördert.

Weil zum Beispiel gemeindenahe Wohnplätze für Langzeitkranke fehlen, leben bis zu 70 Prozent dieser Patienten in einer psychiatrischen Anstalt, obgleich sie dort fehlplaziert sind (13 von 100 Psychiatrie-Patienten sind länger als zwanzig Jahre interniert!). Umgekehrt werden Patienten in triste Heime abgeschoben, die in der Psychiatrie gefördert werden könnten.