Von Klaus Modick

Nach dem großen Brand Londons wird die Stadt Anfang des 18. Jahrhunderts neu aufgebaut. Der Architekt Nicholas Dyer, mit der Konstruktion von sieben Kirchen beauftragt, führt ein seltsames Doppelleben: Nach außen, in seiner bürgerlichen Existenz am königlichen Bauamt, scheint er den Idealen von Aufklärung, Vernunft und Wissenschaftlichkeit verpflichtet zu sein, doch in seinem abgrundtiefen Innern steht er dem neuen Zeitalter in wilder Verachtung gegenüber:

"Jedennoch findet die Philosophey, welche zu London und anderswo so viel im Geschrey, Anhänger ..., die blos vom Razionalen parliren, von dem, was erwiesen, von Genauigkeit und Klarheit ... Sie errichten Bauwercke, so sie Systeme benennen, indem sie die Fundamenta in die Luft verlegen, und so bald sie an soliden Grund zu stoßen vermeinen, so entschwindet das Gebäude dahin, und die Architecte stürtzen ab von den Wolcken. Wer sich auf Materien wie Ursach, Experimentum, Afterursach capriciret, hat vergessen, daß die Welt etwas enthält, was er nicht sehen, noch fühlen, noch messen kann: den Abgrund, dahinein er gewißlich fallen wird."

Dyer, dessen Aufzeichnungen in einer herrlich grobianischen Barocksprache poltern und polemisieren, ist Mitglied einer obskuren Satans-Sekte, und er baut seine Kirchen nach den geheimen, auf Menschenopfern basierenden Ritualen und Regeln dieses Kults.

Mehr als 200 Jahre später, im hektischen, lauten, von Hochhäusern beherrschten und Neonreklamen erleuchteten Stadtbild Londons des ausgehenden 20. Jahrhunderts, kömmt es zu einer unerklärlichen Mordserie. Hawksmoor, der ermittelnde Inspektor, kann sich dem grauenhaften "gemeinsamen Nenner" dieser Verbrechen erst nähern, als er die Tatorte miteinander vergleicht: Es handelt sich stets um das Umfeld der von Dyer erbauten Kirchen, den Bereich, der von ihrem Schattenwurf noch abgedeckt wird. Hawksmoor, der die Mordserie analysiert "wie ein Architekt seinen Bauplan", gerät immer mehr in den furchtbaren Sog der dunklen Ideen des Baumeisters, bis er sich schließlich, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, in der Rolle eines Wiedergängers des alten Satanisten findet.

Der Londoner Literaturwissenschaftler und Erzähler Peter Ackroyd, geboren 1949, legt mit "Der Fall des Baumeisters" ein Buch vor, das zwar von gängigen Elementen der englischen Schauerromantik geprägt ist, inhaltlich wie sprachlich aber weit mehr bietet als einen modisch-ockulten Kriminalroman. Denn Ackroyd spielt Möglichkeiten durch, ob und wie das Verhältnis von Zeit und Kausalität anders aussehen könnte, unterläge es nicht der intellektuellen Übereinkunft wissenschaftlicher Logik. Darüber hinaus verwendet der Roman das traditionsreiche Doppelgängermotiv auf ganz ungewöhnliche Weise: Offen bleibt, inwiefern die Wahnvorstellungen des 18. Jahrhunderts sich mit denen unserer Gegenwart decken, offen bleibt, inwiefern sie Produkte von Persönlichkeitsspaltungen sind.

Aber gerade das Offene, Ungeklärte, nur Angedeutete, doch jederzeit Vorstellbare macht den unheimlichen Reiz der Geschichte aus, die in ihrer raffinierten Schwebe auch ein Plädoyer für die Konstruktion einer anderen Wirklichkeit durch die Literatur darstellt. In Dyers Worten klingt das so: "Wann alles, wovor der Gelahrte keinen zureichenden Grund geben kann, als falsch und unmöglich bekrittelt wird, so mag die Welt selber als ein bloßer Roman erscheinen."