Was machen wir mit dem Tod? Die Tage mit den Nebelschüben kommen wieder, an denen man sich auch ganz offiziell mit ihm beschäftigt, pflichtgetreu und entsprechend geübt. Diese Veranstaltungen genießen Tradition, halten sie doch unentbehrliche Erinnerungen vorschriftsmäßig wach und manchmal sogar hoch. Wäre es vielleicht nicht langsam Zeit, schriftlich hinterlassene Gräber-Bekundungen in diesem Jahrhundert zu sammeln und von Schauspielern auf einer Matinee zwischen Weihnachten und Silvester einem engagierten Publikum ohne Schlips und Kragen darzubieten?

Der Tod hat keinen Geschmack. Ob nun Präsidenten, Minister, Abgeordnete, Funktionäre oder Vereinsvorsitzende Andacht und Ergriffenheit demonstrieren, wer von ihnen fragt sich insgeheim wohl nicht, was man demnächst an ihren Gräbern lassen wird? Dadurch gewinnt ihre innere Beteiligung in jedem Fall erheblich an Tiefe. Um vom Tod zu reden, dem ja alles vollkommen gleichgültig ist, muß sich die Trauer über ihn beugen. Weil eine Kollektivtrauer niemals durchzusetzen ist, wirkt sie entweder gruppenweise oder sehr persönlich. Hat der Tod nur so viel Würde wie die Trauer, die ihm zuteil wird. Und wieviel Zeit nimmt sie sich oder wird ihr gelassen?

Denn der Tod ist ununterbrochen zur Stelle. Und jeder wappnet sich wie ein Krieger gegen tödliche Gefahren, die ihm von einer Minute zur anderen drohen, von dem Waffengewimmel ringsherum, der Atomkraft dazwischen, dem Verkehrsgewimmel auf der Erde und am Himmel, dem Gewimmel stets neuer Zukunftsmuster im Gewimmel immer üppigerer Lebensansprüche und Absicherungsforderungen. Was auch bleiben mag nach dem Tod, das Gedenken und die Trauer müssen sich ständig mit ein und denselben Worten im gleichen Tonfall abfinden.

Der Tod und das Schweigen. Selbst sogenannte Schweigeminuten werden kaum eine Minute länger ertragen. Und Liebe ist übrigens auch laut. Liebe, Tod und Trauer oder umgekehrt. Näheres gibt es in wohlfeiler Literatur. Und der Tod als Mahnung? Abgesehen von den bisher üblichen Rezepten sollte man dazu übergehen, Hinweisschilder an Autobahnen und Schnellstraßen zu errichten, da in der Nähe ehemalige Konzentrationslager sind. Gedenksteine für Verkehrsopfer durch Trunkenheit am Steuer oder Raserei könnten an Straßenrändern aufgestellt werden. Und es müßten Ansteckplaketten für Alte verteilt werden mit der Aufschrift "Laßt mich doch noch leben".

Der Tod stoppt endgültig. Deshalb muß auf einigen Großstadtfriedhöfen jeglicher Autoverkehr untersagt werden. Der Weg zu den Gräbern dürfte auch Kranken nicht zuviel sein. Und Blumengebinde als Trauerschmuck? Das läßt sich nicht ändern.