Von Christine Lattek

Michael Dukakis sei ein "eingetragenes Mitglied" der Amerikanischen Bürgerrechtsvereinigung, der American Civil Liberties Union, verriet George Bush in fast jeder Wahlkampfrede in einem Ton, der Finsteres suggeriert. Auch in der ersten Fernsehdebatte zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten bezeichnete Bush den Gouverneur von Massachusetts als ein card-carrying member dieser Organisation und weckte mit seiner ominösen Formulierung Assoziationen an Parteibücher, Kommunistenjagd und an den McCarthyismus der 50er Jahre. In nicht sehr subtiler Weise versuchte der Vizepräsident damit seinem Gegner einen Geruch von unamerikanischen Umtrieben und Linksradikalismus anzuhängen.

Durch solcherlei Polemik hat inzwischen die angegriffene Organisation, die American Civil Liberties Union, einen Bekanntheitsgrad erreicht wie seit Jahren nicht mehr. Konservative Leitartikler beschrieben die ACLU als eine Ansammlung von bizarren Linksliberalen, die Kinderpornographie und Drogen legalisieren wollen, die (so der ehemalige US-Justizminister Ed Meese) als eine Art "Verbrecherlobby" Kriminelle von ihrer verdienten Strafe bewahren, und die im Namen der Trennung von Staat und Kirche nicht nur die Worte In God we trust von amerikanischen Geldmünzen kratzen, sondern auch Schulkinder um den Besuch des Weihnachtsmanns bringen wollen.

In den fast sieben Jahrzehnten ihres Bestehens war die Organisation an allen großen Debatten über Bürgerrechte beteiligt und hat sich durch ihr faires und unparteiisches Eintreten für Klienten aller Couleur Ansehen als eine nationale Institution verschafft. Das wissen auch Republikaner zu schätzen. Die bekanntesten Fälle aus der Geschichte der ACLU zeigen jedoch auch, weshalb der Verein solche Emotionen und Kontroversen auslöst.

Die American Civil Liberties Union wurde 1920 gegründet, als Gewerkschafter, Intellektuelle, Pazifisten (und beispielsweise auch deutschstämmige Amerikaner) gleichermaßen unter einer Welle hysterischen Patriotismus’ litten und ihre Versammlungs- und Redefreiheit eingeschränkt sahen. Sacco und Vanzetti gehörten in dieser Zeit zu den berüchtigsten Klienten der ACLU, die nachzuweisen versuchte, daß die anarchistischen Überzeugungen der beiden Einwanderer die Anklage heraufbeschworen hatten, nicht der Mordverdacht.

Berühmt wurde die Organisation aber vor allem durch ihren Sieg im "Affen-Prozeß", als sie 1925 die Verteidigung des Lehrers Scopes übernahm, der Darwins Evolutionstheorie vertrat und damit gegen ein Gesetz in Tennessee verstieß. Dieser Streit ist nach wie vor aktuell: Noch 1981 versuchten religiöse Fundamentalisten in Arkansas die biblische Schöpfungsgeschichte gesetzlich zu verankern. Auch hiergegen setzte sich die ACLU erfolgreich zur Wehr.

Viele Fälle der Bürgerrechtsorganisation greifen somit Fragen der Rede-, Versammlungs- und Pressefreiheit auf, häufig in Verbindung mit der von der Verfassung 1791 garantierten freien Religionsausübung, die die strikte Trennung von Staat und Kirche einschließt.