Für die anderen waren sie immer die Erbsenzähler, war ihr Fach der Wurmfortsatz der Literaturwissenschaft, der Inbegriff geistiger Selbstbescheidung, ihre Sprache so fremd und unverständlich wie Japanisch, so unnütz und künstlich wie Esperanto. Bis zu jenem Dienstag. Ein entwendeter Brief war aufgetaucht, geschrieben von Uwe Barschel – oder auch nicht. Seine Witwe hatte einen von ihnen beauftragt, es herauszufinden. Das Fernsehmagazin "Panorama" ließ ihn zu Wort kommen. Das Ergebnis war ein Triumph: nicht für "Panorama", nicht für die Witwe, nicht für den Toten, es war ihr Triumph, der Triumph der Linguisten. Denn der eine trat hervor und sprach: "Dieser Brief ist keine Fälschung."

Es war nicht das erste Mal, daß ein Linguist zum Detektiv geworden ist: 1953 stürzte in Schweden ein Bischof über das Gutachten eines Sprachwissenschaftlers, der nachwies, daß Hochwürden unwürdigerweise anonyme Briefe verfaßt hatte, um die Bischofs-Wahl zu gewinnen. Über 70 Jahre brauchten Germanisten, um nachzuweisen, daß die "Nachtwachen" des Pseudonymus Bonaventura nicht von Schelling, sondern von dem Braunschweiger Theaterdirektor August Klingemann unter Pseudonym verfaßt wurden. Doch Schweden ist weit weg und die Romantik lange her.

Dem einen, dem Linguisten aus Köln, gelang dagegen an jenem Dienstag mit seinen schicksalhaften Worten, was vorher allenfalls Umberto Eco vermocht hatte – Laien für jene sprödeste aller Geisteswissenschaften zu interessieren, für den Sprachwissenschaftler als C. Auguste Dupin, ja als Sherlock Holmes der Gegenwart, als Spurensucher und Zeichendeuter. Über Nacht war die Linguistik zur Wissenschaft der Stunde geworden, fast so populär wie die Atomphysik nach Tschernobyl. Mit annähernd derselben Kenntnis und Intensität, mit der sich einst jedermann zu Strahlenbelastung, Becquerel und Fall-outs geäußert hatte, wurde nun über "signifikante Übereinstimmungen", "linguistische Fingerabdrücke" und die Relevanz von "Differential"- und "Konkordanz-Analysen" gestritten. Plötzlich,konnte es gar nicht mehr genug Sprachwissenschaftler geben. Und weil es natürlich viel zu wenige gab, war bald jeder einer. Schließlich ging es um mehr als einen Brief: Es ging um Politik, um einen Kriminalfall und um einen Streit unter Experten.

Für die Linguisten brechen nun große Zeiten an. Während Heiner Geißler noch abfällig vom "sogenannten Gutachten" sprechen kann, haben seine Parteifreunde in Niedersachsen bereits das Gebot der Stunde begriffen. Eben jener sogenannte Gutachter soll dort mit einem (sogenannten?) Gutachten die Unschuld von Wilfried Hasselmann – wenigstens in einem Fall – beweisen.

Endlich bekommen die ganzen Erkenntnisse über Morpheme und Lexeme, über Textebenen und -partituren, Pleonasmen, Archaismen und Tautologien Sinn und ihre Besitzer Brot. Bald wird man die Literaturwissenschaft wohl Wurmfortsatz der Linguistik nennen. Schon harren neue Zeichen auf ihre Deutung: Ob eine Spendenquittung gefälscht, ein Drohbrief verfaßt, eine hämische anonyme Glosse gedruckt wurde: Der Linguist drückt auf seinen Knopf, und sein Computer spuckt den Täter aus.

Doch halt! Schon schreien die Zweifler und Mäkler. Sie sitzen in Wiesbaden im Bundeskriminalamt, nennen den Linguisten einen "windigen Gutachter" und behaupten, daß die "akademische Linguistik" in derartigen Fällen "keine Hilfestellung" biete. In ihren Worten blitzt jener ewige Zorn des Polizisten auf den Schnüffler auf, unter dem schon Chandlers Phil Marlowe zu leiden hatte; ein Zorn, vergleichbar dem der Kurie auf den Ketzer.

Bevor die ganze Linguistenmeute sich nun auf corpora delicti stürzen darf, soll Anfang Dezember hinter verschlossenen Türen ein Expertenstreit ausgetragen werden. Das Ergebnis wird – wenn es denn eines gibt – vermutlich zuletzt via Fachzeitschrift in den Regalen einschlägiger Bibliotheken verstauben. Und die Linguistik wird sein, was sie bislang war: eine Orchidee aus Papier, kein Fall fürs Leben. Nikolaus Müller-Schöll