Von Janusz Tycner

Bravo Maggie", riefen begeisterte Warschauerinnen, als sich Englands prominenteste Hobby-Hausfrau in einer Markthalle nach dem Lebensmittelangebot erkundigte und bei dieser Gelegenheit eingemachte Pilze und geriebenen Meerrettich für ihre Vorratskammer in der Downingstreet 10 kaufte. Der Jubel während des kurzen Shoppings galt auch dem britischen Botschafter, von dem sich die Eiserne Lady die zum Einkaufen nötige Landeswährung geliehen hatte. Alle klatschten Beifall, und einige Ältere erinnerten sich einer noch viel triumphaleren Demonstration vor fast fünfzig Jahren.

Damals, am 3. September 1939, hatten Zehntausende Warschauer dem damaligen britischen Botschafter zugejubelt. Großbritannien hatte gerade, zusammen mit Frankreich, Deutschland den Krieg erklärt und für jedermann in Polen war klar: England wird uns nicht im Stich lassen; schließlich hat sich London, genauso wie Paris, vertraglich zum militärischen Eingreifen verpflichtet.

"Sie dürfen den polnischen Staat nicht sterben lassen" – bekniete der polnische Gesandte an der Themse, Edward Graf Raczynski den britischen Premier Chamberlain und seinen Außenminister Halifax. "Lassen Sie die Lenin-Werft nicht sterben" – forderten Danziger Arbeiter Frau Thatcher auf. Der Vergleich mag überzogen sein, nicht aber die Schlußfolgerung, daß auch dieses Mal ein britischer Premierminister nicht imstande sein wird, die Hoffnungen der Polen zu erfüllen.

Dennoch wurde Margaret Thatcher drei Tage lang beinahe wie eine Heldin der Nation gefeiert. Englische Reporter berichteten, daß sogar sie, die Eiserne Lady, sichtlich gerührt gewesen sei. Das war auch General de Gaulle 1967 nicht anders ergangen, und von Gerald Ford berichtet man dasselbe.

Margaret Thatchers Besuch verdeutlichte zum wiederholten Male ein polnisches Phänomen: den irrationalen Glauben an die Allmächtigkeit westlicher Politiker, der eng verbunden ist mit der Überzeugung, daß ihre zweifelsohne echte Bewunderung für "das tapfere Volk" sie dazu verleiten wird, dem Land wirksam unter die Arme zu greifen. Natürlich huldigen nicht alle Polen diesem naiven Glauben, aber viele halten daran fest, auch wenn schon die Väter ihrer Großväter bittere Enttäuschungen erlebten. Denn tief in ihrem Unterbewußtsein, und das ist das Paradoxe an der polnischen Mentalität, geistert immer noch die Vorstellung, daß Pulaskis Heldentaten während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, die Treue der polnischen Soldaten, die zu Tausenden bei Samosierra, vor Moskau und vor Santo Domingo für Napoleon starben, die Tapferkeit der polnischen Flieger während der Schlacht um England im Zweiten Weltkrieg oder allein die Arbeiterrevolten in Posen oder Danzig nach dem Krieg, Grund genug sind für Reagan, Mitterrand oder Frau Thatcher, das Land an der Weichsel mehr zu lieben als zum Beispiel Portugal. Die meisten Polen wissen, daß das wahrscheinlich nicht stimmt.

Wenn aber bekannte westliche Politiker dem ermordeten Priester Popieluszko oder den 1970 erschossenen Arbeitern von Danzig und Gdingen ihre Reverenz erweisen kommen, dann wird vor allem das Unterbewußtsein aktiviert. Kein Zweifel, diese Besuche haben eine wichtige therapeutische Bedeutung für die kranke, von Selbstzweifeln geplagte polnische Seele. Kaum jemand im Westen hat eine Ahnung davon, mit welch masochistischer Hartnäckigkeit sich die Polen seit Jahrzehnten öffentlich und in privaten Diskussionen gegenseitig der Unfähigkeit bezichtigen, ihr Land vernünftig einzurichten. Aber auch ohne diese geistige Selbstzerfleischung sehen die Gegenwart und Zukunft nicht gerade rosig aus.