Hier ist ein anderes Element, das man wohl als Spezifikum des Schriftstellers Hans Werner Richter bezeichnen muß: seine geradezu quälende Aufrichtigkeit. Von diesem ersten Roman an über die "Briefe an einen jungen Sozialisten" bis zur meisterlichen Erzählung "Die Flucht nach Abanon" – Richter erspart nicht nur seinem Leser nichts; er erspart auch sich selber nichts. Heute, 1988, gibt es ja den gnadenlosen Blick so mancher Autoren auf die taubeglänzte Untertasse. Richter hat den gnadenlosen Blick auf sich als Teil von uns. Er hat sich nie davongestohlen und "Haltet den Dieb" geschrien. Er hat eine Zeit geschildert, in der wir alle stahlen – und er selber auch Dieb war. ",Warum glauben Sie, daß Deutschland den Krieg verliert?’ ‚Hitler verliert den Krieg. Es ist Hitlers, nicht Deutschlands Krieg.‘ Der Dolmetscher, der bei der Frage am Fenster gestanden hatte, drehte sich heftig um. ‚Ist das nicht dasselbe?‘ sagte er. ‚Nein‘, antwortete Gühler, ‚es ist nicht dasselbe.‘ [...] ‚Warum sind Sie dann nicht emigriert?‘ ‚Das wäre feige gewesen. [...] Was man bekämpft, muß man im eigenen Lande bekämpfen.‘ ‚Das ist Unsinn‘, sagte der Dolmetscher. ‚Vielleicht‘, antwortete Gühler. ‚Aber wir haben es versucht.‘ ‚Und warum sind Sie Soldat geworden?‘ ‚Weil ich Soldat werden mußte.‘ ‚Sie haben sich nicht widersetzt?’ [...] ‚Ein Toter kann sich nicht widersetzen.‘" Genauer kann man sich nicht definieren; uns auch nicht.

Hans Werner Richter ist dieser Selbst-Feststellung ein Schriftstellerleben lang treu geblieben. Es war dieser Konflikt, den er (gemeinsam mit seinem Freund Alfred Andersch) in und mit seiner Zeitschrift Der Ruf austragen wollte – und genau deswegen haben die dummen Amerikaner, die unter re-education eine Verabreichung und keinen Diskurs verstanden, sie verboten. Eigentlich war der Ruf eine siebzehn Zeitschriften-Nummern durchgehaltene Fortsetzung des hier zitierten Romandialogs.

Kein Zufall, daß – 26 Jahre später – es ein fiktiver Dialog sein sollte, der Hans Werner Richters politische Entwicklung und die schließlich erarbeitete Position vorführt: "Briefe an einen jungen Sozialisten". Der schmale Band liest sich wie eine Zusammenfassung auch des bis dahin vorgelegten literarischen Werks, das ja stets um die Themen Krieg, Nationalsozialismus, Marxismus und Versagen der Antifaschisten kreiste – ob in "Rose weiß Rose rot", in dem sich diese frappanten Sätze finden: "Thälmann sagt fast dasselbe wie Hitler. Er dreht es nur um. Er sagt zuerst soziale Befreiung und dann nationale Befreiung." Oder in "Spuren im Sand", wo ein einziger Satz das unauflösliche Gemenge von Angst, Kampf und Erotik begreift: "Es wurden viele Söhne und Töchter in diesen Wochen, genau neun Monate nach Beginn des Krieges, in dem Ort geboren." Ähnlich den "Briefen an einen jungen Katholiken" von Heinrich Böll sind die Richters an einen jungen Sozialisten beides in einem: Dialog und Monolog. Ein Versuch, im Überprüfen fremder Standpunkte den eigenen zu (er-)klären: "Du sagst, Erfahrungen machten reaktionär. Ohne die ständige Revision durch Erfahrungen wird der Sozialismus zur spindeldürren Orthodoxie."

Auffallend ist eine in Deutschland eher rare Eigenschaft; ich möchte sie "sanfte Radikalität" nennen. Niemals eifervoll, niemals schneidend, argumentiert Richter nichtsdestoweniger ganz unbeirrt. Für mich taucht hier am deutlichsten auch der "Chef" der Gruppe 47 auf – nicht, wie er sie und sich in einem leider enttäuschend banalen Plauderbändchen "Im Etablissement der Schmetterlinge" zeichnete, sondern wie es (er) wirklich war: gelassen einen Flohzirkus dirigierend, den er liebte und nicht sehr ernst nahm. Vor diesem Glitzerding, dem Riesenrad der Eitelkeiten, Karrierebeginne, Begabungsproben und Abstürze, dazwischen allerlei geschäftemachende Eichhörnchen und lispelnde Besserwisser, saß gemächlich, unaufgeregt und unbeeindruckt der Mann, den Leonhard Reinisch im Vorwort zu den "Briefen" sehr schön charakterisiert: "Er ist ein Genie der Freundschaft. Insofern könnte man folgern, daß er kein Linksintellektueller ist, zu dem Treulosigkeit als Charaktermerkmal gehört, sofern man Treue als ein zwischenmenschliches Phänomen versteht und nicht als Festhalten an einer Idee. Golo Mann hat einmal die Treue die höchste Tugend des Konservativen genannt. Richter besitzt diesen konservativen Zug."

Ebenso unaufgeregt gibt Richter über seinen politischen Werdegang Auskunft; weniger erzählt er die Autobiographie des noch vor 1933 aus der KPD ausgeschlossenen Buchhändlers, den Emigrationsversuch, die Zeit in Hitlers Armee oder die Kriegsgefangenschaft – also: die äußeren Stationen – als vielmehr von den Verwüstungen jener Erfahrungen, die er nicht leugnet noch uminterpretiert: "Wer die Nächte nach dem Reichstagsbrand in Berlin erlebt hat, die Nächte der Verfolgung, der weiß: Diese Verfolgung war allenfalls eine Kaninchenjagd von Totschlägern. Es gab keine Auseinandersetzungen, keine Gegenwehr, keinen Kampf, es gab nur Angst, Fatalismus, Opportunismus, und es gab vor allen Dingen das nicht, was Ihr Solidarität nennt und was auch wir so genannt haben." Dieser eigenartige Ton – lakonisch? konstatierend? – durchzieht das Bändchen. Fast nebenhin wischt er die flotten Sprüche aus irgendeinem Mao-Kurzlehrgang beiseite: "Und die Masse, in der wir wie Fische im Wasser hätten schwimmen müssen, bestand zu siebzig Prozent oder mehr aus Anhängern des Nationalsozialismus."

Hans Werner Richter, ein Meister des leisen Tons, dessen sehr feine pommersche Ironie – Bansin als geistige Lebensform – oft gar nicht verstanden wurde, hat sich nie wichtig gemacht, aber ernst genommen. Er hat sich wohl zeitlebens ein wenig als Lehrer gesehen, als einen, der ein paar Dinge mehr erfahren hatte; die wollte er weitergeben. Da – und keineswegs zuallererst im literarischen Kaefer-Delikatessen-Service – lag der Beginn der Gruppe 47; aus dem Begreifen wichtiger, schiefgelaufener, auch unheilvoller deutscher Traditionen wollte Richter ein neues Demokratieverständnis wachsen lassen: "Aus dieser Mentalität entstand die Gruppe 47, die damals oft als Antipode der sich entwickelnden Restauration verstanden wurde. Es war eine literarische Gruppierung, keine eindeutig politische, und als solche konnte sie politisch nur bedingt wirksam sein; aber es dürfte auch kaum ein Zweifel daran bestehen, daß die Angehörigen dieser Gruppe mit ihren publizistisch-politischen Arbeiten viel zur Veränderung der Atmosphäre in dieser Bundesrepublik beigetragen haben."

Spätes Meisterstück

Sehr erfolgreich fand er das Unternehmen nicht; das politische nicht – und das literarische auch nicht. Deshalb sagte er 1985 von jüngeren Autoren, sie könnten alle so gut schreiben, aber sie hätten nichts zu sagen: "Ich habe den Eindruck, daß wir in einer Talsohle sind. Die ganze literarische Entwicklung befindet sich in einer Talsohle. Es sind keine großen Begabungen entstanden in den letzten Jahren, nur ganz wenige, die erwähnenswert sind." Und deswegen hat sein Schreiben einen neuen, anderen Ton bekommen: den der Melancholie. Für seine Literatur war das ein "Vorteil" – schlechte Zeiten sind immer gute Zeiten für Literatur. So gelang Hans Werner Richter mit über 70 Jahren noch einmal ein kleines Meisterstück, die Erzählung "Die Flucht nach Abanon", durchzogen von den dünnen Fäden der Trauer wie der Altweibersommer. Eine Prosa-Etüde, die gelegentlich in ihrer Abschiedshaltung innerhalb einer kleinen glimmenden Hoffnung an Max Frischs "Montauk" erinnert. Doch ist es nicht nur der Abschied eines alternden Mannes vom Funkentanz auf der Haut; unterhalb der Dimension des Erzählten, der Begegnung mit einer Schauspielerin, die sich "ohne Grund", wie man so nett sagt, das Leben nimmt, liegt eine andere Dimension: Die Wirklichkeit zieht sich von uns zurück. Oder umgekehrt? "Die Jahre des großen Aufbruchs, der unbegrenzten Hoffnungen, der improvisierten Anfänge sind längst vorbei. Nichts ist davon geblieben als Gleichgültigkeit, Kontaktarmut, Perfektion. [...] Wen interessiert es schon, wie man lebt, worunter man leidet." Eine undeklamatorische Prosa. Aber in ihrem Gewebe, so zart und zugleich fest wie es die Spinnen leisten, zappeln wir alle, Täter und Opfer. Auch von einem, der mit gelassener Selbstsicherheit auf die Frage (des FAZ-Magazins) "Was möchten Sie sein?" antwortete: "Das, was ich bin."