Von Dietrich Geyer

Der Anspruch, den die neue Politik in Moskau an sich selber stellt, ist groß. Die Perestrojka, auf Zukunft angelegt, fordert Rechenschaft über die Geschichte, will Aufklärung über die Vergangenheit, will die ganze Wahrheit, prawda istinnaja, "wahrhaftige Wahrheit". Ohne Aufklärung über das, was vorher war, werde die Perestrojka mißlingen.

Noch ein zweites Schlüsselwort gehört hierher und ist auf Geschichte und auf Zukunft gleichermaßen aus: Die Revolution, so sagt man emphatisch, wird fortgesetzt – Rewoljuzija prodolshajetsja. Gemeint ist die Oktoberrevolution. Die Perestrojka setzt sie fort, sie will in der Kontinuität des roten Oktober stehen, will als "zweite Revolution" verstanden werden – 70 Jahre nach der Großen Sozialistischen –, und wie die Oktoberrevolution beansprucht sie welthistorischen Rang.

Zum Beharren auf Wahrheit und auf Kontinuität der Revolution kommt ein dritter kategorischer Imperativ; er besagt, daß Lenin und der Leninismus die unerschütterlichen Legitimationsinstanzen des neuen Kurses bleiben – die einzigen, die der Partei geblieben sind. Alles andere unterliegt der kritischen Erörterung.

Das Interesse an der Geschichte gilt, wie man täglich sehen kann, vor allem anderen der Stalinzeit. Aber es geht über diese Zeit hinaus. Längst greift man mit der Frage, wie es zum Stalinismus gekommen sei, immer weiter zurück in die Vergangenheit – über die bolschewistische Revolution zurück auf die Zarenzeit, ja auf das Mittelalter und die ganze Russ, also Altrußland, so daß sich ohne Übertreibung sagen läßt: In der Sowjetunion steht jetzt die "Vaterländische Geschichte" im ganzen zur Debatte.

Die sowjetische Geschichtswissenschaft – die offizielle, wie man sie nun auch in Moskau kritisch nennt – hat in der Perestrojka bislang nur eine marginale Rolle gespielt. Das Gros der professionellen Historiker ist verstört, aus Erfahrung klug, übt jedenfalls Zurückhaltung. Viele sagen, daß die Geschichtswissenschaft – im Forschungsbetrieb wie in ihrer Wirkung nach außen – in einer tiefen Krise stecke. Tatsächlich werden die Maßstäbe für die Debatte nicht vom Fach Geschichte, sondern von der sogenannten "schöpferischen Intelligenz" (twortscheskaja intelligenzija) gesetzt, also von Schriftstellern, Journalisten, von Künstlern aller Sparten, von Gelehrten auf eigenes Risiko – meist außerhalb des Zunftbetriebs und abseits der historischen Institute.

Beim zweiten Versuch – nach der Ära Chruschtschow –, den Stalinmythos zu entzaubern und "dem Volk seine Geschichte zurückzugeben", ist der Rahmen, der 1956 und 1961 abgesteckt worden war, inzwischen längst überschritten worden. Der Disput hat sich zwar von der Person Stalins nicht gelöst, aber er ist über diese (noch immer bedrohliche) Kultfigur in den letzten beiden Jahren weit hinausgegangen und hat nicht nur biographische, sondern auch strukturelle Fragen aufgeworfen: Fragen nach der gesellschaftlichen Verankerung des Stalinregimes, nach Verantwortung, Verstrickung, auch nach Schuld und Sühne, Fragen nach politischen Alternativen, nach verpaßten Gelegenheiten, nach denkbaren Spielräumen kontrafaktischer Geschichte. War Stalin tatsächlich notwendig? War er unvermeidlich? Gab es keinen anderen Weg, der zum Sozialismus führte?