Von Konrad Heidkamp

Zwei Seiten von Claude Simon lesen. Weglegen. Ein Kapitel Gore Vidal. Weglegen. Drei letzte Seiten von Ross McDonald. Sieben Gedichte von Frank O’Hara. Im Zauberberg blättern. Dazwischen Platten auflegen und Fernsehen ohne Ton. Ein netter Abend. Jazzfest Berlin: fünf nette Abende mit einem Konzept, "das Schwerpunkte setzt, aber dennoch flexibel genug ist, spannende Aktualitäten und neue Trends aufzugreifen". Die Schwerpunkte zum 25jährigen Bestehen: Perkussion, Akkordeon, Streicher und ein gemeinsamer Nenner, der mißverständlich genug ist, um alles zu rechtfertigen: serious fun. Bill Frisell lacht, Ernst Reijseger lacht, die Kölner Saxophon Mafia lacht, John Zorn lacht, das Publikum lacht selten. Sollen sich die Musiker amüsieren, die Zuhörer? Oder steckt der fun gar in der Musik? Jon Hassell lacht wohl nie, Hank Roberts bleibt verhalten verinnerlicht, Wladimir Estragon dürfen nicht lachen: die ernsthafte "Schiene"! Ist serious fun doch getrennt zu lesen?

Ein paarmal ist die einzig sinnvolle Lesart zu hören: Die Lust, ernsthaft sich selbst zu spielen. Buell Neidlinger, ein klassisch ausgebildeter Bassist, der in den frühen sechziger Jahren bei Cecil Taylor war, heute ein vollständiger Rabbi, dem das verschmitzte Lächeln im weiten Anzug steckt, arrangiert Kompositionen von Thelonious Monk und Ellington für eine Blue-Grass-Besetzung. Ein Thora-Schüler an der Mandoline, Brenton Banks, ein alter, weißbärtiger Neger an der Geige, der liebenswert mit seinem Verstärkerkabel kämpft, ein Saxophon, ein Schlagzeug auf Zimmerlautstärke. Die verqueren Linien der Stücke werden zerlegt, und mit verschiedenfarbigen Strichen wieder nachgemalt. Wechselnde Unisono-Passagen von Saxophon und Mandoline, Baß und Geige, Mandoline und Baß, eine spröde, warme Musik, die trotz ihrer Weichheit nie an musikalischer Härte verliert und ihre skurrile Musikalität nie als Humor verkaufen muß.

Keine Spur von dem augenzwinkernden Vergnügen, mit dem sich Hank Roberts’ Black Pasteis die Tonbälle zuwerfen. Gute Musiker, und doch bleibt das Ergebnis modisch bemüht, der Takt- und Stilwechsel, das An- und Abschwellen, die Bläsertutti gegen das elektrisch träumende Cello – schön, aber es muß auch nicht sein. Wenn es hektisch wird, lauert das Arrangement schon hinter der Ecke und bringt das Ganze wieder in Ordnung. Man ist sicher, daß nichts passieren wird, der gute Geschmack hat das zeitlich begrenzte Chaos fest im Griff. Bill Frisell an der Gitarre ist der Geschäftsführer dieser Richtung. Vom akustischen Hauchen bis zur kreischenden Ekstase serviert der gern gesehene Studiogast nach Auftragslage. Und immer umweht seine Improvisationen ein Duft von Weichgespültem. Das Bewußtsein vom Passenden ersetzt die Notwendigkeit des Eigenen. Den begeisterten Beifall für das restaurierte Art van Damme Quintet durfte man dann auch eher als Trotzreaktion verstehen. "That old feeling" mit fünf älteren Herren, die sicher sind, daß sie das lieben, was sie spielen, mit Stil und Charme, dies nicht mehr beweisen zu müssen.

Möglicherweise ist die stilistische Beliebigkeit innerhalb vieler Gruppen nur das Abbild der stilistischen Buntheit der Abende, die für das Jazzfest seit Jahren typisch ist. Die Idee der "thematischer. Schienen", das Konzept, einen musikalischen Schwerpunkt nicht auf einen Abend zu konzentrieren, sondern pädagogisch auf alle Abende gerecht zu verteilen, erfordert jedoch eine gewisse Kneippkur-Mentalität, die nicht jeder mitbringt. Einem Streichertrio folgt so der Kaltwasserguß des Sonya Robinson Quartets. Eine handwerklich beschränkte Geigerin, die sich als Miss Black America verkaufen läßt und mit ihrem einschläfernden Ton und halboffenem Mündchen so viel Mitleid erregt, daß selbst ein Buh peinlich wird und sich die Beifallskurve so lange auf Null zu bewegt, bis sie schließlich, entnervt, fluchtartig von der Bühne verschwindet. Zu kritisieren ist hier nicht die Vielfalt, sondern die geschmackliche Beliebigkeit der Veranstalter, die fehlende Qualität als Offenheit verkaufen.

Es ist bitter kalt, der Weg zum Quartier Latin, dem Treffpunkt des traditionellen Gegenfestivals, dem "Total Music Meeting", ist kürzer als der zum Delphi. Die Bühne durch-graphitgraue Vorhänge verkleinert, davor zwei Bässe, zwei Kabel, Joelle Leandre und Barre Phillips. Sie tasten ab, langgezogene Passagen im Dissonanzabstand, Streichen und Streicheln, dann Schlagen und Klopfen, ein Kampf der Bögen. Die Klangfarben wechseln vom brummenden Schnarren gelockerter Saiten über Singen, Schimpfen zum Sprechen – das Instrument wird zum Körper, und das Herz besteht aus Musik. Ein fast vergessenes Gefühl zuzuhören und zu reagieren, ein Bewußtsein, das Freude und Trauer aus dem Spielen kommen und persönlicher Stil kein Etikett braucht, es sei denn "Joelle Leandre" und "Barre Phillips". Das Konzept von Total Music Meeting war: Drei Bläser, drei Bässe, drei Schlagzeuge in wechselnden Zweier- und Dreierkombinationen, Klänge ausloten, Improvisationsvorstellungen konfrontieren und sich daran erinnern, daß es im Jazz irgendwann auch darum ging.

Das Elend der Geiger – sie sind zu eindeutig. Sie können schlecht, mittelmäßig oder sehr gut spielen, sie spielen immer Geige. Der Ton paßt sich nicht der Stimmung des Stückes an, man kann die Musik hören, aber man hört auch immer: Geige! Das String Trio of New York intoniert "Manie depression" von Jimi Hendrix. Zirpende Gitarre, üppiger Baß, schleifende Geige, es ist interessant und bleibt nur eine witzige Idee, Nicht mehr. Eine Mahler-Symphonie für Mandolinentrio, Glenn Miller für Cello – nein, der Klang ist nicht beliebig transponierbar; wenn die Idee nicht Musik wird, feiert sie Sylvester an den Musikhochschulen.