Von Peter Sager

Er war nicht durch die Elbe geschwommen oder über die Mauer geklettert. Er wurde nicht freigekauft, nicht ausgewiesen oder ausgebürgert. Nein, Volker Stelzmann galt nie als Dissident. Bis er eines Tages, im Mai 1986, von einer Westreise nicht zurückkehrte nach Leipzig. Ein Maler, ein Künstler mehr, der seinen Staat verließ. Ein fast schon normaler Vorgang der deutsch-deutschen Anomalie. Der Fall Stelzmann begann erst zwei Jahre später, in diesem Sommer in West-Berlin.

Während sich die Kulturstadt Europas als "Ort des Neuen" präsentiert, schickt eine Handvoll ehrenwerter Hochschullehrer sich an, den ungebetenen Kollegen aus dem Osten wegzubeißen. Hat sich doch der abgewanderte Leipziger Professor, statt sich in Asylanten-Demut zu üben, nun an der Westberliner Hochschule der Künste "ohne Pardon" zum Professor ernennen lassen. Was die Westkünstler dem Ostkünstler vorwerfen? Nichts Bestimmtes, aber das um so heftiger: "seine Vita". Stelzmanns Lebenslauf mache ihn als Lehrer unglaubwürdig, er sei ein "großes Talent der Anpassung".

In seinem Atelier nahe dem Kudamm sitzt er mir gegenüber: Stirnglatze. Lech-Walesa-Bart, ernst und skeptisch wie auf seinen Selbstportraits. Ein "bekennender Sachse", der nicht sächselt. Ein Maler, der über alles lieber spräche als über seine eigene Person.

Geboren 1940 in Dresden, der Vater Reichsbahnbeamter, früh gefallen: eine Kindheit im Kriegs- und Nachkriegselend wie Millionen andere auch. Volker Stelzmann wird Feinmechaniker in Leipzig. Sein Ziel: die Hochschule für Graphik und Buchkunst. Der ersehnte Studienplatz indes hängt nicht nur von zeichnerischem Können ab. "1961, nach dem Mauerbau, sollten alle freiwillig zur Armee, und das wollt’ ich nicht." Die Folge: Sein Betrieb entzieht ihm die Delegierung zum Hochschulstudium. Erst zwei Jahre später schafft er die Aufnahmeprüfung. Beginnt so die Karriere eines Konformisten?

Jedenfalls beginnt nun der Aufstieg des gelernten Feinmechanikers zum Maler der neuen Leipziger Sachlichkeit. Stelzmann wird Dozent, Abteilungsleiter, Professor der Kunsthochschule. Er ist auf allen großen Ausstellungen der DDR im Ausland vertreten, auf der Biennale in Venedig, auf den Kunstmessen in Basel und Köln. Seine Bilder bringen Devisen und Renommee, sie ziehen ein in die Ostberliner Nationalgalerie und in die Sammlung Ludwig im Schloß Oberhausen. So viel Erfolg wird belohnt, mit Kunstpreisen und Westreisen, 1983 sogar mit dem Nationalpreis der DDR. Ein Staatskünstler?

Wenn man das "Bilderbuchkarriere" nenne, sagt Stelzmann, dann habe man ihn gleich in der richtigen Ecke. Fände er seine DDR-Erfolge dubios, könnte er sie spätestens jetzt interpretieren und relativieren. Nichts davon. Wohlfeile Entschuldigungen, spektakuläre Enthüllungen sind von ihm nicht zu erwarten. Wer kein Saulus war, muß kein Paulus werden. Hier sträubt sich einer gegen das Klischee, nur der könne ein guter Künstler sein, der in der DDR verfemt oder erfolglos war.