Von Susanne Kippenberger

Auf dem Fest der Schrillen und Grellen sind die grauen Mäuse die Auffälligen. Sie: Jungfrau (",Heutzutage!‘ hätten ihre Freundinnen wahrscheinlich gekreischt, ‚bist du wahnsinnig?‘") – Jungfrau aus Uberzeugung – ohne Lust auf Karriere, aus einfachem, aber soliden Hause. Er: dreißig, Architekt, aus verkorkstem, aber reichem Elternhaus. Ansichten: altmodisch. Träume: Heim, Herd und Kinder. Viele Kinder. Mindestens sechs.

David und Harriet sehen sich auf dem Fest, treffen sich und heiraten. "Sie waren füreinander bestimmt." Daran zweifeln sie nicht und, was viel merkwürdiger ist, der Leser auch nicht. Was Doris Lessing in ihrem neuen Roman "Das fünfte Kind" an Klischees auftischt, ist allerhand. Aber wie sie sie präsentiert, so schlicht, ganz nüchtern, das Glück als etwas ganz Fremdes schildernd, das ist bemerkenswert, bewundernswert. Von Anfang an fühlt man sich von dieser strengen Atmosphäre gefesselt. Eine so souverän und sparsam erzählende Doris Lessing hat man schon lange nicht mehr erlebt.

Strahlende Glückskinder Marke Sonnenschein sind David und Harriet Lovatt nicht. Sich selbst und einer familienfeindlichen Welt trotzen die beiden Dickköpfe ihre (eben deshalb glaubhafte) Kleinstadtidylle ab. Allen Warnungen zum Trotz kaufen sie das eigentlich viel zu große, zu teure Haus und bekommen sofort Kinder, vier innerhalb von sechs Jahren. Aus Überzeugung. Das ist das Frivole: daß sie miteinander schlafen, um Nachwuchs zu zeugen. Deshalb lacht David "laut, leichtsinnig und skrupellos" nach dem ersten Mal.

Auf ihre verschrobene Art erscheinen die Lovatts als die eigentlichen Rebellen der wilden, "raffgierigen und selbstsüchtigen" sechziger Jahre. Man höre und staune: In diesem Jahrzehnt (an dessen Anfang Doris Lessing "Das Goldene Notizbuch" schrieb) scheint es nie einen politischen Protest gegeben zu haben, nur eine sexuelle Revolution zur Selbstbefriedigung.

Erfüllung haben dagegen Harriet und David gefunden. Ihr großes Haus wird zum gemütlichen Heim, großzügig und gastfreundlich, erfüllt vom Duft frisch gebackenen Brots, dem Klang fröhlicher Kinderstimmen und dem Lachen der zahlreichen Gäste. "Das war das Glück, auf die alte Art", ein kindliches, scheues Glück, wie Lessing es beschreibt. Die Ehe ist ein einziges Lächeln, das Haus ein klassenloses Paradies für die Großfamilie, aus dem die immer gewalttätigeren siebziger Jahre ausgesperrt bleiben. My home is my Castle.

Mit kräftigen, sicheren Strichen malt Doris Lessing diesen rosigen Horizont, vor dem das spätere Geschehen sich so düster abheben wird. Vereinzelte graue Tupfer – Geldmangel, die nicht ganz leichten Schwangerschaften, die schlechte Ehe von Harriets Schwester – steigern die Glaubwürdigkeit des Glücks nur. Als erfülle sie eine eher lästige Pflicht, hastet die Autorin vom Osterfest in die Sommerferien, die sich ausdehnen bis zum nächsten Weihnachtsfest (die Gäste wollen gar nicht mehr nach Hause gehen) und überschlägt fast die (Haus-)Geburten. Die Lovatts sind "ein Wunder von einer Familie", ein Wunder, an das in diesen Zeiten niemand mehr geglaubt hatte. Und die Skeptiker bleiben am längsten; Davids geschiedene Eltern holen sich bei ihrem Sohn, was sie selbst ihm nicht gegeben haben, geben konnten oder wollten.