Von Wolfgang Zank

Vor mehr als einem Jahr rehabilitierte der Oberste Gerichtshof der Sowjetunion posthum fünfzehn Agrarexperten. Sie waren in den dreißiger Jahren den Stalinschen Säuberungen zum Opfer gefallen. Einer von ihnen war Alexander Wassiliewitsch Tschajanow.

Im Westen war der Rehabilitierte kein Unbekannter. Tschajanow galt in den zwanziger Jahren als internationale Kapazität in der Agrarwirtschaft; später entdeckten Entwicklungsökonomen und -Soziologen seine Bedeutung für die Erforschung von Problemen der Dritten Welt. Jetzt kann Tschajanow auch wieder in seinem Heimatland offen diskutiert werden. Ausdrücklich knüpft die gegenwärtige sowjetische Führung an die Diskussion der zwanziger Jahre an, die damit eine ganz neue Aktualität gewinnt. Manches von dem, was Gorbatschow heute sagt, hat Ähnlichkeit mit dem, was Tschajanow seinerzeit schrieb.

Der deutsche Leser kann sich seit kurzem wieder aus erster Hand mit Tschajanow vertraut machen:

Alexander Tschajanow: Die Lehre von der bäuerlichen Wirtschaft: Versuch einer Theorie der Familienwirtschaft im Landbau. Nachdruck der Ausgabe von 1923 mit einer Einleitung von Gerd Spittler. Campus Verlag, Frankfurt/Main, New York 1987; 123 Seiten, 58,– DM.

Tschajanow war Professor an der Landwirtschaftlichen Hochschule Petrowskoje-Rasumowsoje bei Moskau, später in Timiriasew-Akademie umbenannt. Er war das geistige Oberhaupt der sogenannten Organisations- und Produktionsschule, die bis Mitte der zwanziger Jahre die russische Agrarwissenschaft dominierte. Mit seiner "Bäuerlichen Wirtschaft" legte Tschajanow 1923 zum ersten Mal – auf deutsch – eine geschlossene Darstellung der Ergebnisse vor, zu denen diese Wissenschaftler in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten gekommen waren. Die deutsche Ausgabe von 1923 wurde nun von Campus als Reprint herausgebracht.

Zu Zeiten Tschajanows herrschte in der russischen Landwirtschaft der kleinbäuerliche Familienbetrieb vor. Der Haushalt bestand in der Regel aus zwei oder drei Generationen, konnte aber auch noch Nicht-Familienmitglieder umfassen. Die Familie lebte und arbeitete gemeinsam unter der Fuchtel des Familienoberhauptes, ihre Bedürfnisse bestimmten Art und Umfang der Arbeit; Boden und Gerät gehörten allen gemeinsam. In den meisten Fällen bebauten die Familien mit Hilfe einer jahrhundertealten Technik, mit Pferd und Holzpflug, einige wenige Hektar, Getreide war die vorherrschende Kultur.