Von Burkhard Kieker

Es war eine Krisensitzung, zu der die europäischen Verkehrsminister Ende Oktober auf dem Frankfurter Flughafen einschwebten. Vom Anlaß ihres Treffens, dem Verspätungschaos im Luftverkehr, bekamen die Politiker nicht viel zu spüren. Ihre Staatsmaschinen müssen nämlich von der Flugsicherung mit Vorrang durch den überfüllten Luftraum gelotst werden. Dennoch hat man nun europaweit "Handlungsbedarf" entdeckt. Es boomt am europäischen Himmel. Die Zivilluftfahrt legte in den letzten zwanzig Monaten über 25 Prozent zu – das ganze System droht ins Chaos zu stürzen.

Viel schneller als erwartet stieß die europäische Flugsicherung an ihre Kapazitätsgrenzen. Allein 1987 waren 300 000 Flüge mehr abzufertigen als im Vorjahr. Neue Prognosen gehen von einer Verdopplung der Passagierzahlen bis zum Jahr 2000 aus, das hieße 540 Millionen Fluggäste pro Jahr. Doch schon der Boom im vergangenen Jahr genügte, um alle Flugpläne durcheinander zu bringen: 39 Prozent aller Flüge waren verspätet.

Vor diesem Hintergrund erscheint der bis 1992 geplante Binnenmarkt beim Flugverkehr mehr als Drohung denn als Verheißung. "Was in Brüssel an Liberalisierung diskutiert wird, ist verantwortungslos", urteilt Detlef Winter vom Verkehrsministerium. "Wir sind uns einig, daß erst mal der Luftraum und die Flugsicherung ausgebaut werden müssen, bevor man den Himmel freigibt, sonst geht das schief." Die Frankfurter Konferenz brachte, erstmals seit Jahren, konkrete Ergebnisse, die Verkehrsminister Jürgen Warnke als "großen Durchbruch" verkaufte. Nach jahrzehntelanger Eigenbrötlerei – weder Technik noch Vorschriften, noch Lufträume, nichts paßt bisher zusammen in Europa – entdeckten die Politiker die Idee "Eurocontrol" aufs neue. In den siebziger Jahren an den nationalen Egoismen Frankreichs, Hollands und Englands gescheitert, soll Eurocontrol ein Ingenieurbüro aufbauen, das für etwas mehr Einheitlichkeit sorgen soll. Außerdem planen die Minister ein zentrales Eurocontrol-Rechenzentrum zur Verkehrsflußsteuerung: Alle Fluggesellschaften müssen ihre Flüge dort anmelden, damit sie dann europaweit koordiniert werden können. Eine einheitliche Flugsicherung in der Hand von Eurocontrol wurde aber gar nicht erst angesprochen. Frankreich, so die Begründung, ist nicht bereit, auf seine Souveränitätsrechte in diesem Bereich zu verzichten.

Beeindruckt von den stundenlangen Verspätungen und häufigen Flugannulierungen, hat das Bonner Verkehrsministerium schon im Sommer versucht, wenigstens national das Chaos einzudämmen. Seit dem 1. Juli genießen siebzig innerdeutsche Flugverbindungen – entgegen den internationalen Regeln – Priorität. Für die Jets werden slots, also Lücken, im fließenden Verkehr auf den Luftstraßen freigehalten. Ende August hatten die Minister Jürgen Warnke (Verkehr) und Rupert Scholz (Verteidigung) neue gute Nachrichten für entnervte Passagiere und gestreßte Fluglotsen: Von Kooperation war die Rede, von der Öffnung militärischer Lufträume für Verkehrsflugzeuge und einer neuen Entlastungsroute für Atlantikflieger über dem Niederrhein, wo die Militärs auf angestammte Reviere verzichten wollen.

Fluglotsen und die Pilotenvereinigung Cockpit halten die meisten Neuerungen aus dem Verkehrsministerium allerdings für Augenwischerei. "Da hat sich nichts wirklich verbessert. Wenn die normalen Flugrouten ‚dicht‘ sind und wir ein Verkehrsflugzeug durch den militärischen Luftraum schicken wollen, müssen wir per Telephon für jeden Jet bei den Kollegen der Luftwaffe um Genehmigung bitten. Dazu fehlt uns aber die Zeit", sagt Ralph Riedle, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Flugleiter.

Für Heiterkeit in der Branche sorgte die vom Ministerduo Warnke/Scholz mit großem Presse-Tamtam angekündigte Entlastungsluftstraße Zoulu 75. Sie führt entlang der holländischen Grenze zur Nordsee und soll pro Stunde bis zu sechs Transatlantikflüge aus Frankfurt aufnehmen. Vorgeschriebene Flughöhe für Zoulo 75: zwischen acht- und neuntausend Meter – unerreichbar hoch für die schwerbeladenen Jumbos so kurz nach dem Start. Deshalb müssen die Lufthansa und andere Airlines auch weiterhin durch den völlig überlasteten südenglischen Luftraum fliegen.