ZDF, 1., 2. und 6. November: "Die Bertinis"

Ein großes Unternehmen. Fünf Jahre und vierzehn Millionen hat es gebraucht, bedeutende Talente gebunden und einen "exemplarischen Zeitroman" (Verlagswerbung) in Bilder gegossen: "Die Bertinis", Geschichte einer Hamburger Musikerfamilie mit jüdischer Mutter während der Nazizeit. Exakt rekonstruierte Regisseur Egon Monk mit seinen Ausstattern das Milieu, behutsam bearbeitete er die Romanvorlage von Ralph Giordano, konsequent stimmte er seine Schauspieler auf Klarheit ein.

Das Resultat ist bestechend. In epischer Fülle und formaler Strenge, reich an Episoden und knapp in den Stilmitteln, so offenbart sich uns das Schicksal der Bertinis, wie sie Station um Station von der Entrechtung bis zur Fast-Vernichtung gedrängt, gepreßt, gestoßen und geschleift werden und dabei weiter ihr Familienleben führen. Diszipliniert agieren selbst Darsteller kleinster Rollen, gemessen zelebriert Hannelore Hoger die Mutter Lea. Ein Filmepos, dessen Stilisierung, dessen Künstlichkeit manchmal etwas viel Geduld vom Publikum fordert, jedoch keineswegs am gängigen Fernsehspielrealismus gemessen werden darf, wie die FAZ es tat. "Die Bertinis" sind eine gewollt monotone, düstere Elegie – die authentische deutsche Antwort auf den amerikanischen Mehrteiler "Holocaust". Wir können es doch.

Aber erst jetzt, zehn Jahre später. So viel Zeit mußte vergehen, ehe die Judenverfolgung Gegenstand eines Fernsehfilms werden konnte, der auch unterhalten soll. Das nämlich war aus begreiflichen Gründen lange tabu. Das Grauen durfte nicht kulinarisch werden. Bis die Amerikaner bewiesen, daß Unterhaltung und belehrendes Entsetzen einander nicht ausschließen müssen. Wurde bei "Holocaust" allhier noch der Seifenoper durch Diskussionsforen die gehörige Seriosität entgegengesetzt, so darf bei den "Bertinis" die Fiktion unmittelbar auf Geist und Gemüt wirken. Wir sind soweit: Der zeitliche Abstand ist groß genug, das Publikum zu einem bedeutenden Teil nicht mehr dabei gewesen – ein Bilderverbot kann fallen.

Es fällt jedoch nicht ganz. Die Saga der Opfer lädt ein zur Identifikation mit diesen. Sie weckt Mitleid mit den Schuldlosen, deren Platz wir, miterlebend, einnehmen. Doch dieser Platz gebührt uns nicht. Andere Wohnküchen als die der Bertinis müßten, könnten mit dem Schlüssel der TV-Darbietung geöffnet werden: die des Studienrats "Speckrolle" und die des pflichtbewußten Standesbeamten zum Beispiel. Der Lehrer ist ein überzeugter Nazi, er schickaniert die Bertini-Söhne, denn er möchte seinem Führer eine von Juden und "Mischlingen" freie Schule schenken. Der Standesbeamte muß Mutter Lea eine "Sarah" in ihren Ausweis hineinschreiben; er spürt, daß da was nicht stimmt, aber er hat seine Vorschriften. Diese Leute, die Mittäter und Mitläufer, hatten auch Kinder und Sorgen und Überzeugungen, Ängste und Wünsche, auch sie könnten vorgeführt werden als Zentralfiguren, aus deren Perspektive das Publikum blickt. Aber da ist das Tabu noch mächtig. Denn diese Leute, das waren wir selber, unser Volk in seiner Mehrheit.

Hiermit soll nichts gesagt sein gegen Ralph Giordanos Buch und Egon Monks Film. Es soll nur darauf verwiesen werden, daß unsere Freiheit, einen "kulinarischen" Fernseh-Mehrteiler über das Los der Juden im Dritten Reich zu drehen und anzuschauen, erst halb errungen ist. Was das Fernsehspiel vermag, ist die Vorführung von Subjektivität. Fremde Schicksale läßt es uns unter die Haut gehen. Einstweilen sind das die Schicksale der Opfer, in deren Haut die wenigsten von uns gesteckt haben. Will das Fernsehen seiner Zeit, auch der NS-Zeit, den Spiegel vorhalten, so muß das Gesicht der Täter darin erscheinen, "subjektiv", nicht als Karikatur. In "Holocaust" gab es so eine Figur – den Nazi mit Namen Dorf.

Barbara Sichtermann