Der nette KGB

Von I. F. Stone

WASHINGTON. – In dem Augenblick, in dem Moskau neue Anstrengungen unternimmt, der Internationalen Psychiatrischen Vereinigung beizutreten, verdient eine bisher übersehene Passage in einem Interview der Prawda vom 20. September mit Wiktor Tschebrikow, damals noch Chef des KGB, besondere Aufmerksamkeit.

1983 hatten die Sowjets die Vereinigung verlassen, weil ihnen wegen des Mißbrauchs der psychiatrischen Behandlung gegen Dissidenten der Ausschluß drohte. Jetzt, da sich dank Glasnost das internationale Klima verbessert hat, will die Sowjetische Psychiatrische Vereinigung die Wiederaufnahme beantragen.

Das Tschebrikow-Interview sollte jedoch zur Vorsicht mahnen. Denn es macht deutlich, daß in den höchsten Führungsetagen des Kreml das alte Denken noch immer nicht ausgestorben ist. Tschebrikow erklärt, daß eine der Aufgaben des KGB darin liege, Verbrechen gegen den Staat dadurch zu verhindern, daß "den Abweichlern geholfen wird, ihre Illusionen aufzugeben".

Das klingt nach unverfälschtem George Orwell. Der KGB sieht noch immer in der psychiatrischen Manipulation von Dissidenten nicht nur eine Therapie, sondern eine nette Form von politischer Erziehung. Denn, wie Tschebrikow erläutert, auf ciese Weise werde dem Abweichler geholfen, "das Verhältnis zwischen den Interessen des Staates und denen des einzelnen zu verstehen".

Seit der Veröffentlichung des Interviews hat Tschebrikow sein Amt im KGB geräumt, aber er ist weiterhin Vollmitglied des Politbüros. Bei der jüngsten Umbesetzung wurde er zum Vorsitzenden einer der sechs Kommissionen des Zentralkomitees ernannt und mit der Aufgabe betraut, das sowjetische Rechtssystem zu reformieren – ein Vorhaben, das seit Stalins Tod schon oft angekündigt wurde.

Das Interview, das die Prawda auf ihren ersten beiden Seiten in großer Aufmachung brachte, liest sich allerdings keineswegs wie eine Erörterung zur Rechtsreform, sondern wie eine Hymne auf den KGB. Und auch die Fragen waren respektvoll indirekt und ohne den Anflug jeder Kritik. Nach Tschebrikow sind weder Kritik noch Reform am Platze. Die Mitarbeiter des KGB sind lauter Musterknaben "mit hoher Intelligenz, hohen moralischen Maßstäben und starkem ideologischen Engagement". Ihre "große Mehrheit" zeichne sich durch "Standhaftigkeit gegenüber den Verlockungen von Konsumerismus, Zynismus, Egoismus oder Disziplinlosigkeit aus". Sie können zur "Verbreitung von Demokratie und Glasnost" beitragen, sofern "sie die politische und erhabene humanistische Qualität ihrer Arbeit nicht außer acht lassen". Tschebrikow nennt sogar Zahlen, wie viele KGB-Leute selbst zu Opfern "ungerechtfertigter Unterdrückung" wurden.

Der nette KGB

Die Sowjetbürokratie hat eine besondere Gabe für sprachliche Verbrämung. Aber die Prawda griff das Stichwort nicht auf und fragte nicht nach, wie solche ungerechtfertigte Unterdrückung in Zukunft vermieden werden könne, oder wie es möglich war, daß so erhabene Humanisten wie die KGB-Kader unschuldige Kollegen verfolgten. Das Wort "Fehler" – die letzte müde Zuflucht sowjetischer Apologetiker – findet sich nirgendwo in dem Interview. Wie der Heilige Stuhl, so gibt auch der KGB Fehler nicht zu.

Tschebrikows Versprechungen für die Zukunft sind von anderer Art, und der Alte mit dem Schnurrbart hätte ihnen durchaus zustimmen können. "Ich möchte mit absoluter Klarheit hinzufügen", versichert er der Prawda, "daß feindliche Elemente und andere Personen, die sich auf den Pfad staatsfeindlicher Tätigkeiten begeben, nach dem Gesetz zur Rechenschaft gezogen werden". Auch Gesetzesänderungen werden es diesen Verblendeten nicht leichter machen, wenn Tschebrikow sich durchsetzt. Und wer wird in der Kommisson für Gesetzesreform einem ehemaligen KGB-Chef widersprechen wollen?

  • I.F. Stone ist Journalist und Schriftsteller in Washington. Mit seinem 1972 erschienenen Buch "Verrat durch Psychiatrie" löste er den langen Streit der Internationalen Psychiatrischen Vereinigung über den Mißbrauch der Psychiatrie in der Sowjetunion aus.