Der schmutzige Mambo

Von Ulla Müller

Wolfgang Menge schrieb 1952 in der ZEIT: "Da jeder Mensch daran interessiert ist, ein möglichst vollständiges Bild der Menschheitsgeschichte zu erhalten, da man außerdem nie sicher sein kann, welchen Einfluß neue Tänze einmal ausüben werden, mag es angebracht sein, wichtige Einzelheiten über den Mambo zu verbreiten." Damals konnte er nicht ahnen, daß der Mambo 1988 als Neo-Modetanz das bundesdeutsche Parkett erobern sollte.

Anfang der fünfziger Jahre war die Mambo-Welle zum ersten Mal aus den Vereinigten Staaten nach Mitteleuropa geschwappt. In Amerika handelte es sich immerhin um die größte Tanz-Massenbewegung seit dem Swing "Lindyhop" von 1935. "Uncle Sambo, mad for Mambo", meldete Life 1955. Santa Claus tanzte Mambo. Achtzig Prozent aller ballroom- Besucher wollten nur Mambo, und der Mambo-Beat dröhnte aus allen Musikboxen, Radios und Fernsehgeräten. Und selbst notorische Nichttänzer fanden Gefallen am Mambo.

In der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit löste die Welle nur bei Experten nennenswerte Reaktionen aus. 1953 berieten die Tanzlehrer in München, wie sie ihren Schülern den Mambo madig machen könnten. "Hüftschlenker mögen für Eingeborene gut sein, zu uns passen sie nicht", wetterte die Tanz-Illustrierte. Und die Tanz-Journalisten witterten; "abstoßende Zügellosigkeit".

Die Mambo-Wahrnehmung der Parkett-Pädagogen entsprach den Eindrücken der ersten Afrika-Missionare, die in den Isolationstechniken des schwarzen primitive dance ausnahmslos sexuellen Exzeß sahen. Die Versuche der deutschen Tanzlehrer, eine zivilisierte Mamboimitation als Original zu verkaufen, waren aber gar nicht notwendig. Der Mambo scheiterte im Nachkriegsdeutschland nicht an den Exorzismen der Gesellschaftsvortänzer: "Wir sind zu steif", schrieb Wolfgang Menge, "deshalb werden wir auch nie richtig Mambo tanzen ..."

1987 hat der neue Mambo auf Zelluloid den Atlantik überquert. Ein schmutziger Kino-Mambo, eine von dem Choreographen Kenny Ortega professionell hochpolierte Peep-Show-Balz-Bewegung für den Tanzfilm "Dirty Dancing", die allein in der Bundesrepublik über acht Millionen Besucher anlockte. Zum magischen Tanzpaar 87/88 kürten die Print-Medien Patrick SwayzeBild: "Patrick ist männlich, hat einen knackigen Po, ist aber nicht so protzig wie Sylvester Stallone" – und Jennifer Grey, die der Spiegel eine "professionelle Hupfdohle" nannte.

Einige wenige Sequenzen "Dirty Dancing" reichten aus, um die Mambo-Manie in den Tanzschulen auszulösen. Swayze, als Tanzlehrer Johnny Wegbereiter einer neuer Animationstechnik, zeigt Jennifer – im Film Baby genannt – den kürzesten Weg von der pubertären Verklemmung zur keimfreien tänzerischen Enthemmung.

Der schmutzige Mambo

Für eine ganze von Immunschwäche bedrohte Generation kam der schmutzige Mambo gerade recht, um die zwangsmonogame Tristesse durch stimulierende Seitensprünge zu beleben.

Vergessen sind die coolen Disconächte, in denen immer die nächste Eroberung das Ziel der tänzerischen Übung war. Längst langweilig geworden ist die narzißtisch gestörte Selbstdarstellung im Flackerlicht der Einsamkeit stampfender Monotonie. Fünfundzwanzig Jahre nachdem der Twist die Geschlechter trennte, fallen sie sich jetzt wieder in die Arme.

Aber ohne die Lockerungsübungen der synthetischen Discoatmosphäre wären die Deutschen auch am schmutzigen Mambo hoffnungslos gescheitert. John Travolta öffnete den Machos die Türen der Tanzpaläste, ließ sie die Hüften schwingen und fortan wöchentlich im Saturday Night Fever schwitzen.

Bis die neuen Virenängste aus dem Vergnügen danach die Panik davor machten. Dirty Mambo ist das ideale Mittel, das langweilige Discovorspiel durch choreographisch gestylten Geschlechtsverkehr zu ersetzen, ohne die traditionellen Vorfahrtsrechte anzutasten. Denn auch beim Mambo gilt: Er führt und verführt.

Viele Tanzpaare, die auf Standard und Latin schwören, mögen Schwierigkeiten mit dem schmutzigen Mambo haben. Wie eine Leserbriefschreiberin der Rheinischen Post‚ die zwar die politische Bindung Westdeutschlands an die Vereinigten Staaten befürwortete, gleichzeitig aber vor amerikanischer Tanz-Mentalität und Rhythmus warnte und wieder Tänze fürs Gemüt forderte.

Die jungen Tanzlehrer heute haben keine Probleme damit, den Mambo wie ein schickes Soft-Porno-Video zu verkaufen. Natürlich gilt es, im Vorfeld einige Grundregeln zu beachten, die früher nebensächlich waren. In "Freddies Ballhaus" in Hamburg, wo es angeblich "den schärfsten Dirty-Dancing-Unterricht von ganz Norddeutschland" gibt, gehen nur feste Paare an den Start. Und im stern bekennt der repräsentative Dirty Dancer geniert: "Na ja, auf ’nem Familienfest würde ich das nicht gerade machen."

Der Mambo ist entspannend monogam und der tänzerische Vollzug der Wende von 1982. Er hat den deutschen Tanzschulen ein Geschäft mit echten Nahtanzorgien beschert. Er bietet Hautkontakt ohne Infektionsrisiko.

"Vom Menuett zum Mambo" überschrieb Jürgen Scheschkewitz am 3. Dezember 1955 seinen Beitrag im Wiesbadener Kurier, den er in der Erkenntnis münden läßt: "Im modernen Tanz findet der Mensch ein Ventil, durch das sich der Überdruck gehemmter Energie entladen kann. Hier entfällt der Zwang der rationalen Gebundenheit, das weitgehend vernachlässigte vitale Element darf frei werden. Der Tänzer antwortet auf die tägliche Zurückhaltung, die seinem Körper aufgezwungen ist, mit einer extremen Bejahung der Körperlichkeit; Für eine kurze Zeitspanne wirft er alles Über-Normative ab und stellt damit für sich eine Ganzheit des Lebens wieder her."