Für eine ganze von Immunschwäche bedrohte Generation kam der schmutzige Mambo gerade recht, um die zwangsmonogame Tristesse durch stimulierende Seitensprünge zu beleben.

Vergessen sind die coolen Disconächte, in denen immer die nächste Eroberung das Ziel der tänzerischen Übung war. Längst langweilig geworden ist die narzißtisch gestörte Selbstdarstellung im Flackerlicht der Einsamkeit stampfender Monotonie. Fünfundzwanzig Jahre nachdem der Twist die Geschlechter trennte, fallen sie sich jetzt wieder in die Arme.

Aber ohne die Lockerungsübungen der synthetischen Discoatmosphäre wären die Deutschen auch am schmutzigen Mambo hoffnungslos gescheitert. John Travolta öffnete den Machos die Türen der Tanzpaläste, ließ sie die Hüften schwingen und fortan wöchentlich im Saturday Night Fever schwitzen.

Bis die neuen Virenängste aus dem Vergnügen danach die Panik davor machten. Dirty Mambo ist das ideale Mittel, das langweilige Discovorspiel durch choreographisch gestylten Geschlechtsverkehr zu ersetzen, ohne die traditionellen Vorfahrtsrechte anzutasten. Denn auch beim Mambo gilt: Er führt und verführt.

Viele Tanzpaare, die auf Standard und Latin schwören, mögen Schwierigkeiten mit dem schmutzigen Mambo haben. Wie eine Leserbriefschreiberin der Rheinischen Post‚ die zwar die politische Bindung Westdeutschlands an die Vereinigten Staaten befürwortete, gleichzeitig aber vor amerikanischer Tanz-Mentalität und Rhythmus warnte und wieder Tänze fürs Gemüt forderte.

Die jungen Tanzlehrer heute haben keine Probleme damit, den Mambo wie ein schickes Soft-Porno-Video zu verkaufen. Natürlich gilt es, im Vorfeld einige Grundregeln zu beachten, die früher nebensächlich waren. In "Freddies Ballhaus" in Hamburg, wo es angeblich "den schärfsten Dirty-Dancing-Unterricht von ganz Norddeutschland" gibt, gehen nur feste Paare an den Start. Und im stern bekennt der repräsentative Dirty Dancer geniert: "Na ja, auf ’nem Familienfest würde ich das nicht gerade machen."

Der Mambo ist entspannend monogam und der tänzerische Vollzug der Wende von 1982. Er hat den deutschen Tanzschulen ein Geschäft mit echten Nahtanzorgien beschert. Er bietet Hautkontakt ohne Infektionsrisiko.

"Vom Menuett zum Mambo" überschrieb Jürgen Scheschkewitz am 3. Dezember 1955 seinen Beitrag im Wiesbadener Kurier, den er in der Erkenntnis münden läßt: "Im modernen Tanz findet der Mensch ein Ventil, durch das sich der Überdruck gehemmter Energie entladen kann. Hier entfällt der Zwang der rationalen Gebundenheit, das weitgehend vernachlässigte vitale Element darf frei werden. Der Tänzer antwortet auf die tägliche Zurückhaltung, die seinem Körper aufgezwungen ist, mit einer extremen Bejahung der Körperlichkeit; Für eine kurze Zeitspanne wirft er alles Über-Normative ab und stellt damit für sich eine Ganzheit des Lebens wieder her."