Leo Trotzki über die Entartung der sowjetischen Gesellschaft in den dreißiger Jahren – Zu einer deutschen Neuausgabe seiner Werke

Von Lutz Häfner

Mir fehlen die Worte, meine Empörung zu beschreiben. Mir läuft es buchstäblich eiskalt über den Rücken. Ich habe meine Gesundheit durch Zeckenenzephalitis eingebüßt, gerade wegen solcher Scheusale, wie dieser Spion Bucharin und seine Frau, die ich fünf Jahre lang... bewacht habe, und die Sie jetzt als reinste Engel hinstellen!" Mit diesen Worten wandte sich ein Moskauer Bürger an die Redaktion der Zeitschrift Ogonjok, die es gewagt hatte, Ende 1987 ein Interview mit der Frau Bucharins abzudrucken.

Seit den Angriffen gegen den Personenkult Stalins in der berühmten "Geheimrede" Nikita Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 ist über die sowjetische Geschichte und deren Historiographie nicht mehr so kontrovers diskutiert worden wie gegenwärtig im Rahmen von Glasnost und Perestrojka.

Bucharin wurde zwar zu Beginn dieses Jahres rehabilitiert, dies gilt jedoch keineswegs für alle "Unpersonen". Von einer Anerkennung oder sogar Würdigung der Verdienste Leo Trotzkis zum Beispiel ist die sowjetische Gesellschaft noch weit entfernt. Auch in der Ära Gorbatschow gibt es die oft zitierte Kehrseite der Medaille: Rechtzeitig zu den Feierlichkeiten des 70. Jahrestages der "Großen Sozialistischen Oktoberrevolution" erschien 1987 ein Sammelband ("Der Kampf der Leninschen Partei gegen nichtproletarische Parteien und Strömungen"), in dem folgende Einschätzung über die Rolle und Bedeutung der Politik Trotzkis zu finden ist:

"Der Trotzkismus erweist sich als eine Mischung anarchistisch-populistischer, Lassalleanischer, ökonomischer, menschewistischer, Parvusscher und Kautskyanischer Ansichten, der sein ideologisches Werden als eine Selbständigkeit beanspruchende Richtung des opportunistischen Gedankens in Rußland vollendete. Hierbei treten deutlich die Hauptcharakterzüge des Trotzkismus als Abart des Menschewismus hervor: bösartiger Antibolschewismus, offene antileninsche Ausrichtung, die Verneinung jedweder Parteilichkeit, ein ins Auge fallender Eklektizismus in theoretischen Fragen ... sowie eine prinzipienlose Bereitschaft zu Kompromissen mit der Bourgeoisie ..."

Lange verfolgtes Projekt