Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im November

Gibt es ein Leben nach dem Tode? In den Jagdhütten und Teehäuschen einiger verstorbener Sowjetmarschälle gilt das ohne Zweifel: Dort herrscht geisterhafte Geschäftigkeit. Auf die merkwürdigen Zustände in der bei Sotschi gelegenen Datscha des 1976 verstorbenen Marschalls und Verteidigungsministers Gretschko zum Beispiel wies der Rentner W. Rubljow die Prawda hin. Die Militärabteilung des Parteiorgans bestätigte: "Das Gebäude steht schon seit zwölf Jahren leer, niemand geht dort auf die Jagd. Doch die dienstbaren Geister, vier Männer, sind geblieben. Sie versehen ihre Arbeit und beziehen dafür Gehälter... Der einstige Marschall hatte aber nicht nur ein Häuschen. Wieviele solcher Jagdhütten unterhält das Verteidigungsministerium heute? Ist es nicht höchste Zeit, sie dem Gesundheitsministerium, zum Beispiel als Rehabilitationszentren für Afghanistan-Heimkehrer, zur Verfügung zu stellen?"

Wie berechtigt ihr solche Fragen und Forderungen erscheinen, unterstrich die Prawda mit weiteren Recherchen: "Am Touristenweg zum Aj-Petri-Berg liegt die Jagdhütte des ehemaligen Oberbefehlshabers der Sowjetflotte, Marschall Gorschkow – gerade dort, wo einst der bekannte Millionär und Fürst Jussupow ein bescheidenes Teehäuschen unterhielt. Wie es heißt, war der Marschall zu Lebzeiten nur zweimal in diesem Anwesen, das aber stets von sechs Wehrdienstpflichtigen Matrosen unter dem Kommando eines Marineunteroffiziers gepflegt wurde. Wem das Gebäude nun gehört, ist unbekannt; der Unteroffizier ist verschwunden, doch die Matrosen sind geblieben und machen in der Villa ständig klar Schiff."

Nach der Marine attackierte das Parteiorgan auch noch die Kavallerie. Der Pferdestall des legendären (von Isaak Babel literarisch verewigten) Reiterkommandeurs und Sowjetmarschalls Semjon Budjonnij sei nach dessen Tod im Jahre 1973 an seine Erben übergegangen. Dennoch hätten dort weiterhin Wehrpflichtige als Stallknechte die Pferde versorgt – kein Wunder, daß eines Tages ein Geschenk von historischem Wert, der Sattel eines türkischen Sultans, verschwunden sei.

Damit kamen die Militärkommentatoren der Prawda zum Kern ihrer Beschwerden: Welche Moral müßten junge Leute entwickeln, die zum Wehrdienst für die Verteidigung des Vaterlands einberufen würden, dann aber gezwungen seien, in den Jagdhütten der Natschalniks zu dienen!

Hier klingen die Motive einer ganz neuen Wehrdebatte in den Sowjetmedien an. Nach Glasnost – ausgelöst durch die immer offenere Diskussion über Sinnlosigkeit und Opfer des Afghanistan-Abenteuers – hat nun die Perestrojka, der Versuch eines konkreten Umbaus der Roten Armee, das Militär erreicht. Auf dem Prüfstand stehen die Moral der Truppe, ihre Kosten, ihr Umfang, ihre Struktur und ihre Aufgabe. Bei der wiederum reduzierten Militärparade zum 71. Jahrestag der Oktoberrevolution Anfang dieser Woche konzentrierte sich Verteidigungsminister Jasow in seiner Rede fast schon mehr auf die Verteidigung der gemeinsamen Interessen der Menschheit als auf die der Sowjetunion.