Da endlich ist es heraus: Der Schriftsteller, über den die schöne Herzogin Maria Isabel (Maribel) sich in ihrem Tagebuch gar nicht genug auslassen kann, heißt Miguel de Cervantes Saavedra. Wir haben das längst geahnt, doch mit der Eintragung vom 1. April 1616 wird es zur Gewißheit. Es gibt einen Grund für Maribels Zögern, den Namen niederzuschreiben: ihre Haßliebe.

Einst, vor acht Jahren, war die Herzogin dem alternden Schriftsteller von Herzen zugetan. Die beiden führten endlose Gespräche über die Kunst und das Leben, zusammen schrieben sie kleine Theaterstücke, und schließlich gestand sie ihm gar ihre Liebe. Cervantes war damals bereits ein berühmter Mann, er hatte den ersten Teil seines "Don Quixote" veröffentlicht und war gern gesehener Gast bei Hofe. Auch Maribels Ehemann, der Herzog, hatte ihn eingeladen, so daß er sich ungestört dem Schreiben widmen konnte.

Daß in den zweiten Teil seines Romans denn auch viel von dem einfloß, was er am Hof gesehen und erlebt hatte, war nicht weiter verwunderlich. Eine jedoch wunderte sich sehr: Maribel. Denn er hatte sie zu einer koketten Person gemacht, die zu allerlei grausamen Späßen aufgelegt war. Maribel geriet in Wut, sie fürchtete einen Skandal.

Fiktion und Wirklichkeit, das lernt Maribel, und mit ihr der Leser, sind kaum miteinander zu vereinbaren. Doch während der Leser sich aus der Distanz damit kühl zu arrangieren versteht, gerät die Herzogin in ihrem Tagebuch in aufwallendes Erzählen.

Robin Chapman, der bisher nur fürs Theater und den Film gearbeitet hat, stellt sich vor, daß die wirkliche Herzogin, die Cervantes als Vorbild diente, ein Tagebuch hinterlassen habe. In seinem Vorwort behauptet er, das Originalmanuskript lediglich übersetzt zu haben. Wenn wir hier einmal die Fiktion für Wirklichkeit nehmen dürfen, dann war Cervantes die Form des Tagebuches besonders lieb, denn der Herzogin gegenüber, so entnehmen wir ihrem Tagebuch, äußert er einmal: "Ein gutes Tagebuch sei wie ein guter Salat, nichts von der Güte seiner Grundbestandteile sei verkocht."

Der Engländer Chapman, dessen Roman in englischer Sprache bereits 1980 erschienen ist, versteht es, seine Heldin als lebendige Person zu schildern; der Leser vergißt rasch, daß er ein fiktives Tagebuch vor sich hat. Der Autor läßt die Reflexionen und Erinnerungen der Herzogin so nahtlos in das Geschehen ihres gegenwärtigen, übrigens durchaus aufregenden Lebens einfließen, daß man ihn wohl in der Tradition von Daniel Defoe sehen kann, dessen Roman "Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders" ja auch dadurch den Anstrich von Authentizität bekam, daß er die Heldin ihre Lebensgeschichte erzählen ließ.

Die Herzogin Maribel freilich mußte nicht durch die Armut der Moll Flanders hindurch, sie ist vielmehr radikal, eine Libertine, die sich allerdings nicht ganz den höfischen und kirchlichen Zwängen entziehen kann. Wollte man sie mit einem Wort charakterisieren, so käme, auch wenn diese Bezeichnung durch einen Filmtitel bereits besetzt ist, nur die "heißkalte Frau" in Frage.